Referent: Dr. Eckart Marchand

Gips ist ein vielseitiger Werkstoff und fand - wie auch der Gipsabguss - schon in den Maler- und Bildhauerwerkstätten der italienischen Frührenaissance vielfach Verwendung. So spricht Vasari von der „Kunst des Gipses“ wenn es um den Prozess der Vervielfältigung geht. Der regelmäßige Einsatz von Gipsmodellen im bildhauerischen Werkprozess dagegen ist ein vergleichsweise spätes Phänomen. Klassizistische Bildhauer des neunzehnten Jahrhunderts verwendeten kleine, mittel- und ‘lebensgroße’ Abgüsse als Werkstattvorlagen zur Erarbeitung weiterer Arbeitsschritte und für das endgültige Modell, das Auftraggebern gezeigt werden und auf Ausstellungen erscheinen konnte, das aber auch – mit oder ohne Zutun des Künstlers/der Künstlerin – der Erstellung endgültiger Marmor- oder Bronzeskulpturen diente. Die Entwicklung dieses Werkstattverfahrens wird zumeist im Rom des späten achtzehnten Jahrhundert verortet und mit Antonio Canova assoziiert. Eckart Marchands Vortrag wird die anfängliche Vielfalt der Verwendungszwecke der Gipse in den Werkstätten Donatellos, Tintorettos und anderer Renaissancekünstler beleuchten, dann aber ein anderes Entwicklungsmodell vorschlagen, das den Blick von Rom um 1800 auf Paris um 1700 verlegt und anstelle eines einzelnen Künstlers eine bürokratische Institution des französischen Staates als Hauptagenten dieser Entwicklungen sieht. Die Bâtiments du Roi mit ihren surintendants, directeurs und inspecteurs verwalteten königliche Bauprojekte und Kunstaufträge. Wenn, wie Marchand argumentiert, die regelmäßige Verwendung von Gipsmodellen durch die Ansprüche dieser auftraggebenden Institution ausgelöst wurde und nicht durch die freie Wahl der Künstler, dann erscheint das besonders passend für das vielseitige, ästhetisch aber wenig geschätzte Werkmaterial Gips.

‘L’arte di gesso‘ – Gipsmodelle in der Künstlerwerkstatt 1400–1800.

Vortragsreihe

Angebote für: Erwachsene
Termin: Do 07.11.2019 19:00 Uhr - 21:00 Uhr
Ort: James-Simon-Galerie
Kosten: kostenfrei
Anmeldung: nicht erforderlich
Ausstellung: Nah am Leben. 200 Jahre Gipsformerei
Veranstaltungsreihe: Die Kunst der Abformung

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