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Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie im Interview

29.03.2011
Nationalgalerie

Was wir schon immer über die Nationalgalerie wissen wollten …
Direktor Udo Kittelmann weiß die Antworten.

Der Begriff Nationalgalerie lässt vermuten, dass hier nur nationale, also deutsche Kunst gesammelt wird, in der Realität aber treffen eine Vielzahl internationaler Künstler aufeinander - warum also diese Namensgebung?


Die Namensgebung rührt historisch daher, dass sich das so bezeichnete Museum in seiner Gründungsphase, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vor allem deutscher Kunst widmete und dass es sich bei den Kunstwerken um nationalen Kunstbesitz handelte. Die Internationalisierung der Sammlung war dann natürlich auch eine Folge politischer Veränderungen und der zunehmenden Vernetzung der Künstler über alle geografischen Grenzen hinweg. So gesehen hat sich die Nationalgalerie vom Nationalen zum Globalen
hin entwickelt.

Über die Stadt Berlin verteilt wird die Nationalgalerie in jeweils ganz individuellen Gebäuden präsentiert. Was hält den Facettenreichtum dieser Sammlung dennoch zusammen?

Zunächst sind alle Häuser der Nationalgalerie durch eine gemeinsame Geschichte verbunden. Jedes Haus besitzt einen historischen und konzeptionellen Bezug zur Institution der Nationalgalerie. Aber auch inhaltlich ergibt sich eine Gemeinschaft durch den Fokus auf Bildende Kunst des 19., 20. und 21. Jahrhunderts. Hierfür ist die Nationalgalerie im Kontext der Staatlichen Museen zu Berlin schwerpunktmäßig zuständig. Obwohl die Zuständigkeitsbereiche auf die Häuser aufgeteilt sind, handelt es sich genau genommen um eine gemeinsame Sammlung, angefangen von Caspar David Friedrich, über die umfangreichen Picasso-Bestände im Museum Berggruen und Barnett Newmans Meisterwerk "Who is afraid of Red, Yellow and Blue" bis hin zu den jüngsten Schenkungen der Sammlung Flick.

In diesem Jahr wird das 150-jährige Jubiläum der Nationalgalerie begangen, am Anfang stand die Schenkung des Sammlers Joachim Heinrich Wagener. Wie wichtig sind noch heute die privaten Kunstliebhaber und Förderer?

Das private Mäzenatentum ist heute so wichtig und wesentlich wie eh und je, und vielleicht sogar noch mehr. Die Nationalgalerie ist hierfür ein großartiges Beispiel. Es sei jetzt nur einmal an die Sammlungen von Erich Marx und Friedrich Christian Flick erinnert, die sich in der Obhut der Nationalgalerie befinden. Zu nennen ist hier aber auch das individuelle Engagement aller Mitglieder des Vereins der Freunde der Nationalgalerie. Ohne den Verein der Freunde, und damit die private und unternehmerische Förderung, wäre nur ein Bruchteil der Ausstellungen der Nationalgalerie denkbar und auch die Sammlungen hätten über die Jahrzehnte hinweg ein anderes Erscheinungsbild.

Wie lange gilt in der Nationalgalerie, die ja als Sammlung für Gegenwartskunst gegründet wurde, Kunst eigentlich als zeitgenössisch?

Wie Sie richtig sagen, wurde die Nationalgalerie als Museum für Gegenwartskunst gegründet und basierte auf der Schenkung des Bankiers Joachim Heinrich Wilhelm Wagener (1782-1861). Natürlich ist dieses Herzstück unserer Sammlung, das nun im Zuständigkeitsbereich der Alten Nationalgalerie liegt, längst nicht mehr der zeitgenössischen Kunst zugehörig. Aber indem sie im Geiste des Zeitgenössischen gesammelt wurde, vermag sie uns noch heute eine Vorstellung davon zu geben, was einst als zeitgenössische Kunst galt und kann uns dadurch auch im Rückblick das Vergangene wieder vergegenwärtigen.

Das Interview erschien in der Museumszeitung der Staatlichen Museen zu Berlin (Ausgabe 2/2011).