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Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst im Interview

01.10.2010
Pergamonmuseum

Was wir schon immer über das Museum für Islamische Kunst wissen wollten …
Direktor Stefan Weber weiß die Antworten.

Was unterscheidet islamische von abendländischer Kunst?
Es ist schwierig von "der" islamischen oder "der" abendländischen Kunst zu sprechen, dafür gibt es regional und zeitlich zu viele verschiedene Ausformungen. Dennoch gibt es für Werke der muslimischen Kultur charakteristische Elemente: die Freude an kräftigen Farben und reicher Verzierung, die Bedeutung der arabischen Schrift als inhaltliches und dekoratives Element sowie die untergeordnete Rolle von Skulpturen. Aber es gibt auch Parallelen, denn auch die islamische Kunst ist tief verwurzelt im Erbe der Antike, auf das wir uns in Europa so oft berufen.

An welcher Schnittstelle zwischen Islam und Kunst sehen Sie Ihr Museum?
Wir sind eine Sammlung, die Objekte aus Kunst, Kunsthandwerk und Archäologie zusammenbringt und so Einblicke in ganz unterschiedliche Lebensbereiche gibt. Einige Stücke kommen aus religiösen Kontexten, wohingegen andere Zeugnisse gut bürgerlichen Geschmacks sind. Im Zentrum steht die Breite des kulturellen Schaffens, wie sie auch heute existiert. Dabei sind wir als Museum darum bemüht, die manchmal verzerrte Wahrnehmung des Islams richtig zu stellen und das stößt sichtbar auf Interesse: So hatten wir im letzten Jahr einen Rekord von 540 000 Besuchern!

Warum sollte man auf keinen Fall versäumen, dem Museum für Islamische Kunst einen Besuch abzustatten?
Sind Sie schon mal auf 1 300 m² von Spanien nach Indien gegangen und von der Spätantike in die Moderne? Haben Sie schon mal vor dem Palast eines Kalifen gestanden? Nein? Dann wird es ja langsam Zeit. Dies kann man weltweit nur in Berlin! Wo man heute doch so viel über Muslime in Deutschland redet, kann sich hier jeder selbst ein Bild über die Kunst und Archäologie des Islams machen.

Gibt es ein Ausstellungsstück, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Es sind immer wieder zwei Objekte die mich besonders faszinieren: Eine gold-rot glasierte Keramik in der so genannten Lüstertechnik, die vor knapp 1200 Jahren in der Kalifenstadt Samarra (Irak) produziert wurde. Damals war diese Technik neu und sollte mit ihrem goldenen Glanz bald Nordafrika, Mittelasien und Spanien erobern.
Bei meinem zweiten Lieblingsobjekt handelt es sich um das Wohnzimmer eines reichen christlichen Kaufmanns aus Aleppo (Syrien). Ich habe hunderte Häuser im Nahen Osten untersucht und erforscht und halte es für ein ganz besonderes Privileg nun Direktor eines Museums zu sein, das das älteste und weitaus schönste Exemplar dieser geschmackvoll bemalten Holzvertäflung besitzt!

Welche Bedeutung hat die Leihgabe der "Keir Collection" - eine der weltweit größten und wichtigsten privaten Sammlungen islamischer Kunst - für Ihr Museum?
Das war natürlich ein Glückstreffer um den wir weltweit beneidet werden: Edmund de Unger hat dem Museum seine Sammlung überreicht, die vor allen Dingen Fehlstellen bei uns abdeckt bzw. besonders schöne und harmonische Ergänzungen ergibt - für mindestens zwei Jahrzehnte eine fantastische Aufwertung des Museums!

Das Interview erschien in der Museumszeitung der Staatlichen Museen zu Berlin (Ausgabe 4/2010).