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Rückerwerbung des „Sämann“ von Constantin Meunier für die Nationalgalerie

19.10.2010

Eine bedeutende Bronzeplastik der europäischen Moderne konnte mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und der Hermann Reemtsma Stiftung für die Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin zurück erworben werden. Den im Juni 2010 festlich eröffneten Kolonnadenhof der Museumsinsel in Berlin schmückt seit kurzem eine weitere imposante Plastik - der "Sämann", 1896, von Constantin Meunier. Vielen Berlinerinnen und Berlinern ist die Figur vertraut, stand sie doch lange im Umfeld der Nationalgalerie, die sie seit den fünfziger Jahren bewahrte.

Die zwischenzeitlich an die Erben des Kunstsammlers Dr. Otto Krebs restituierte und nun zurück erworbene Figur bereichert wesentlich sowohl die Sammlung der Nationalgalerie wie das Skulpturenprogramm des Hofes, das wichtige künstlerische Positionen des 19. Jahrhunderts in großen Bronzearbeiten vereint. Nun kommt mit dem "Sämann" des Belgiers Meunier eine große Arbeit des europäischen Naturalismus hinzu. Sie kann als Allegorisierung der Jahreszeiten wie auch der Arbeit selbst gelesen werden und war vom Künstler als krönender Abschluß eines "Denkmals der Arbeit" konzipiert. Die Nationalgalerie besitzt unter anderem mit dem "Eisenwalzwerk" von Adolph Menzel und der "Flachsscheuer" von Max Liebermann weitere Spitzenwerke aus diesem zentralen Motivfeld des 19. Jahrhunderts, das nun um eine starke Variante bereichert ist.

Arbeit war ein wichtiger Begriff im 19. Jahrhundert, bedacht von den verschiedensten Philosophen und Thema großer Werke in Literatur und bildender Kunst. Heinrich Heine, der Kunstkritiker, wertete die neuen monumentalen Arbeitsdarstellungen gar als Andachtsbilder irdischen Lebens. Gerade so beschrieb er 1831 das Bild von Léopold Robert "Ankunft der Schnitter in den pontinischen Sümpfen". Große französische Maler nahmen das Thema um die Jahrhundertmitte auf, Gustave Courbet vor allem und Francois Millet, der viele Künstler, Liebermann und Meunier auch Vincent van Gogh nachhaltig beeinflusste. Darstellungen der Arbeit, seit der Antike verbreitet, waren nun kein Randmotiv mehr, sondern Ausdruck einer zentralen Kategorie. Und meist wurde auf die nicht arbeitsteilige, ländliche Arbeit mit ihren eindrücklichen Bewegungsabläufen zur Symbolisierung derselben zurückgegriffen. Die Idee eines "Denkmals der Arbeit", um 1900 von Jules Dalou, Constantin Meunier und Auguste Rodin bedacht, schließt die Bemühungen darum gleichsam ab.

Im nachfolgenden Jahrhundert, in der Kunst des Nationalsozialismus wie im Kontext des sozialistischen Realismus wurde das Thema Arbeit so oder so funktionalisiert und ideologisiert, das warf einen Schatten zurück auf die Kunstwerke des 19. Jahrhunderts. Constantin Meunier (1831 - 1905) war auf sein Thema während eines Aufenthaltes in dem belgischen Industriegebiet Borinage gestoßen, kurz darauf, 1886, kehrte er, nach einer Phase
als Maler, zur Bildhauerei zurück. Meunier wandte sich als einer der wenigen Künstler nach Menzel auch dezidiert der Industriearbeit zu: er formte "Puddler" (die das geschmolzene Eisen umzurühren haben), eine "Heimkehr der Bergleute" und Hafenarbeiter, alle in der Nationalgalerie ebenfalls zu sehen.

Symbolisieren aber ließ sich die Arbeit und die neue Zeit am eindrücklichsten durch die große Einzelfigur, einen "Sämann" etwa oder auch ohne allen Hinweis auf das Tun durch eine Figur wie das "Eherne Zeitalter" von Auguste Rodin. Rodin hat die Plastik während seines Aufenthaltes in Brüssel geformt, wo er auch Meunier kennen und bewundern lernte. Das hoch industrialisierte Belgien prägte beide Künstler nachhaltig.

Erste Arbeiten des Belgiers Meunier sind unter Hugo von Tschudi in die Nationalgalerie gelangt. Seine Werke gehörten zu Tschudis Konzept der Moderne, ebenso wie die Bilder der Impressionisten und die Plastiken und Skulpturen von Auguste Rodin. Der "Sämann" und nicht eine der anderen Arbeiten von Meunier sollte das geplante Denkmal der Arbeit krönen. Und so kann diese Figur mit Recht als ein Höhepunkt im Werk von Constantin Meunier angesehen werden, und die Nationalgalerie schätzt sich glücklich, sie für ihre Sammlung zurück gewonnen zu haben.

Meuniers Bronzeplastik "Der Sämann" stammt aus der Kunstsammlung von Dr. Otto Krebs, die sich im Zweiten Weltkrieg auf dem Rittergut Holzdorf (Thüringen) befand, das ebenfalls zum Vermögen von Dr. Otto Krebs gehörte. Nach Kriegsende wurde die Sammlung zum größten Teil durch die sowjetische Besatzungsmacht abtransportiert. Nur wenige Werke verblieben in Deutschland. "Der Sämann" wurde, wie einige weitere Kunstwerke, in Volkseigentum der DDR überführt und den Staatlichen Museen Berlin übergeben. Das Thüringische Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen hat auf Antrag der Stiftung für Krebs- und Scharlachforschung, Mannheim, der Erbin von Otto Krebs, 2008 entschieden, dass die betroffenen Werke von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurückzugeben sind. In Abstimmung mit den Berechtigten hatte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Objekte 2010 zurückgegeben. Es handelte sich neben der Bronze von Meunier um "Das eherne Zeitalter" (Bronzeguss, Auguste Rodin), "Tänzerin, die Kordel ihres Trikots befestigend" (Kleinbronze, Edgar Degas), "Bildnis Renoir mit Hut" (Bronze, Aristide Maillol), "Frauenkopf" (vergoldete Bronze, Ernesto de Fiori) und drei Werke von unbekannten Künstlern. Meuniers "Sämann" wurde im selben Jahr in einer Auktion für die Sammlung der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz zurück erworben.