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Restitution von drei Werken aus der Sammlung Littmann und Schenkung von Carlo Menses „Doppelbildnis (Rabbi S. und Tochter)“ an die Neue Nationalgalerie

15.02.2023
Neue Nationalgalerie

Drei Werke aus der Neuen Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin wurden an die Erben des Rechtsanwaltes Ismar Littmann restituiert. Littmann war 1934 an den Folgen einer Verletzung gestorben, die er sich bei einem Selbstmordversuch aufgrund seiner Verfolgung durch die Nationalsozialisten zugezogen hatte. Bei den Werken handelt es sich um „Die Ruhende“ (1911) von Max Pechstein, „Selbstbildnis“ (1925) von Wilhelm Schmid und „Doppelbildnis (Rabbi S. und Tochter)“ (1925) von Carlo Mense. Letzteres verbleibt dank einer Schenkung der Erben in der Neuen Nationalgalerie, wo seine Geschichte in der Objektbeschreibung erläutert wird.

Die Werke gehörten zu einem Konvolut von über 4.000 Kunstwerken, die der Staat Preußen 1935 von der Dresdner Bank ankaufte und kurz darauf an die Staatlichen Museen zu Berlin übergab. Dieser Bestand, der einer Vielzahl von Vorbesitzern zuzuordnen ist, wird seit 2018 in einem Provenienzforschungsprojekt am Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin untersucht: Erforschung der Provenienzen von Kunstwerken aus dem Bestand der Dresdner Bank 1935.

Der Kunstsammler Ismar Littmann

Ismar Littmann (1878–1934), ein deutscher Rechtsanwalt und Notar aus Breslau, baute in den 1920er Jahren eine umfangreiche Kunstsammlung mit damals zeitgenössischen Künstlern wie Lovis Corinth, Max Pechstein, Erich Heckel oder Max Liebermann auf. Den Erwerb von Kunstwerken finanzierte er vor allem durch Kredite, wobei er Kunstwerke als Kreditsicherheiten verwendete. Bis 1933 – auch in Zeiten der Weltwirtschaftskrise – konnte Littmann die Kredite bedienen und hat bei erfolgreicher Tilgung die als Sicherheiten verwendeten Gemälde zur freien Verfügung zurückerhalten.

Seine berufliche, finanzielle und persönliche Situation verschlechterte sich ab dem Einsetzen erster Verfolgungsmaßnahmen gegen jüdische Rechtsanwälte und Notare massiv. So war Littmann im April 1933 gezwungen, die erneute Aufnahme in die Rechtsanwaltskammer zu beantragen. Bis zur eingeschränkten Wiederzulassung am 1. Juni 1933 mussten seine Kanzleigeschäfte ruhen. In der Folgezeit ließ sich der vorhergehende Erfolg der Kanzlei nicht mehr erreichen. Ende 1933 unternahm Ismar Littmann aus Verzweiflung einen Selbstmordversuch, den er zwar überlebte, an dessen Folgen er aber am 23. September 1934 verstarb.

Über die Sammlung Littmann

Mit seinem Tod verlor seine Familie jede Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und geriet endgültig in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Vor diesem Hintergrund sahen sich seine Witwe, Käthe Littmann, und sein Sohn, Hans Littmann, im Februar 1935 zur Veräußerung großer Teile der Kunstsammlung im Rahmen einer Auktion im Auktionshaus Max Perl gezwungen.

Die Gemälde „Doppelbildnis (Rabbi S. und Tochter)“ von Carlo Mense, „Die Ruhende“ von Max Pechstein und „Selbstbildnis“ von Wilhelm Schmid wurden – eingeliefert von der Dresdner Bank – ebenfalls in dieser Auktion angeboten, blieben aber unverkauft. Sie wurden erst im August 1935 als Teil eines en bloc Verkaufs von Kunst durch die Dresdner Bank an den Preußischen Staat veräußert. Spätestens ab 1930 hatten diese drei Werke nachweislich zur Sammlung Littmann gehört.

Trotz mehrjähriger umfangreicher Forschung ließen sich allerdings bislang keine Dokumente auffinden, die die Einzelheiten einer möglichen Sicherungsübereignung an die Dresdner Bank darstellen. Es lässt sich daher nicht eindeutig rekonstruieren, in welcher Form die drei genannten Gemälde zum Zeitpunkt des Verkaufs im August 1935 noch Teil des Vermögens der Familie Littmann waren. Die Gesamtumstände legen aber nahe, dass der Verkauf durch die Dresdner Bank zu einem verfolgungsbedingten Vermögensverlust der Familie geführt hat. 

Mit den Erben nach Ismar und Käthe Littmann konnte eine faire und gerechte Lösung gemäß der Washingtoner Prinzipien gefunden werden: Die SPK restituierte „Doppelbildnis (Rabbi S. und Tochter)“, „Die Ruhende“ und „Selbstbildnis“ an die Erben, die wiederum der SPK das Gemälde „Doppelbildnis (Rabbi S. und Tochter)“ schenkten. Es verbleibt dank der Schenkungin der Neuen Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin. Mehr über die Werke:

Carlo Menses „Doppelbildnis (Rabbi S. und Tochter)“

Der aus einer tiefreligiösen katholischen Kaufmannsfamilie stammende Karl Mense (1886-1965), der seinen Vornamen in Carlo änderte, malte zunächst im Stil des Expressionismus und wandte sich später der Neuen Sachlichkeit zu. Zur Beschäftigung mit der jüdischen Kultur scheint der Künstler durch seinen Kriegseinsatz in Polen und Russland 1916/1917 gekommen zu sein. Ab 1925 lehrte er an die Kunstakademie in Breslau, einem wichtigen Zentrum jüdischen Lebens.

Das Doppelbildnis eines Rabbiners mit seiner Tochter dürfte jedoch auf eine Italien-Reise Menses zurückgehen, denn das grüne Kleid mit weitem Halsausschnitt ist für die Tochter eines deutschen oder osteuropäischen Rabbiners ebenso untypisch wie der schwarze Schleier aus Spitze, der aus Südeuropa stammt. Ohne einander zu berühren, stehen die beiden Porträtierten ernst an einem Tisch, auf dem zwei Bücher liegen. Durch die schwarze Kippa und den Vollbart ist der Mann als jüdischer Gelehrter gekennzeichnet. In den Jahren zuvor hatte Mense Bildnisse katholischer Kleriker gemalt, die ebenso wie das vorliegende durch Symmetrie und Frontalität an der Kunst des 15. und frühen 16. Jahrhunderts orientiert sind.

Wilhelm Schmids „Selbstbildnis“

Der gelernte Bauzeichner Schmid war 1912 aus der Schweiz nach Berlin gekommen und hatte dort in den Architekturbüros von Bruno Paul, Peter Behrens, Bruno Möhring und Paul Renner gearbeitet. Schon seit 1910 beteiligte er sich mit freien künstlerischen Arbeiten an Ausstellungen, so waren seine Werke 1917 in der Berliner Secession zu sehen und ab 1919 als Teil der Novembergruppe auf der jährlichen „Großen Berliner Kunstausstellung“. Von 1924 bis 1930 lebte er vorwiegend in Paris.

Zu Beginn dieser Zeit dürfte das mit lockerem Pinselstrich gemalte Selbstbildnis entstanden sein, auf dem sich der Künstler vor grün-türkisfarbenem Hintergrund im Brustbild zeigt. Im Kontrast zur Statuarik der Figur und zum ruhigen Blick scheint der um den Hals geschlungene, weiß-blau changierende Schal ein Eigenleben zu entwickeln. Stilistisch orientierte sich Schmid an Giorgio de Chirico, Carlo Carrà und der italienischen Künstlergruppe Valori Plastici.

Max Pechsteins „Die Ruhende“

Vieles deutet darauf hin, dass dieses Werk während der ersten gemeinsamen Nidden-Reise des Ehepaars Pechstein im Sommer 1911 entstanden ist. Dargestellt ist die 18-jährige Charlotte Kaprolat, genannt Lotte, die den Künstler im März des Jahres geheiratet hatte. Die Komposition ist eine Hommage an den Norweger Edvard Munch: Beim Motiv des auf dem Bett liegenden Mädchens mit weit ausgestrecktem Arm und offenem Haar handelt es sich um eine Adaption von dessen Gemälde „Der Tag danach“ (1892 durch Brand zerstört und 1894 wiederholt; Nasjonalmuseet, Oslo) beziehungsweise der gleichnamigen Radierung (1895).

Ende April 1912 zeigte Pechstein das Bild als eines von drei Einsendungen auf der 24. Ausstellung der Berliner Secession; diese mit seinen Brücke-Kollegen nicht abgestimmte Teilnahme an der Schau führte zu seinem Ausschluss aus der Gemeinschaft, derer er schon seit geraumer Zeit überdrüssig geworden war, wie sie seiner, aufgrund seiner Erfolge in der Berliner Kunstszene.