Neuzugang für das Kunstgewerbemuseum: Prachtvolles Schreibmöbel aus der Madrider Hofwerkstatt von José Canops

19.10.2021
Kunstgewerbemuseum

Das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin freut sich, den Zugang eines prachtvollen Schreibmöbels aus der Madrider Hofwerkstatt von José Canops ankündigen zu können. Das zu den Glanzleistungen des 18. Jahrhunderts zählende Zylinderbureau konnte mit Hilfe der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Rudolf-August Oetker-Stiftung für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Denkmalpflege und der Julius-Lessing-Gesellschaft, dem Freundeskreis des Kunstgewerbemuseums Berlin, erworben werden.

Für die repräsentative Aufstellung frei im Raum konzipiert, ist das Zylinderbureau allansichtig plastisch modelliert. Ganz in Mahagoniholz gebaut und mit seltensten Furnieren belegt, entfaltet es einen höchst exotischen Dekor. Dabei werden musikalische Trophäen spanischer Herkunft und Blumen aus der Neuen Welt ebenso in Szene gesetzt wie die geheimnisvolle Anspielung auf den Elefanten: die imposanten Tiere waren vor allem aus Indien bekannt und Symbol globaler Machtfülle.

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Wenig bekannte Möbelkunst von José Canops

Die Entstehung am Hof Königs Carlos III

Die Möbelkunst von José Canops (1734-1814) entstand am Hof Königs Carlos III, einem der bedeutenden Regenten des aufgeklärten europäischen Absolutismus. Als er 1759 die spanische Königswürde antrat, begleiteten ihn die Erfahrung aus einer mehr als 25-jährigen Herrschaft über das Königreich Sizilien und Neapel und erprobte Gefolgsleute wie der Architekt Francesco Sabatini oder der Hofmaler Mattia Gasparini. Oberstes Ziel der Repräsentation war die Fertigstellung des königlichen Palastes in Madrid. Damit sollte nicht nur die 30 Jahre zuvor in einem Brand zerstörte Residenz der spanischen Könige neu begründet werden, sondern mit diesem Hauptwerk des europäischen Rokoko auch der internationale Herrschaftsanspruch eines Weltreiches neuen Ausdruck erhalten.

Unter der Leitung von Francesco Sabatini wurden Hofwerkstätten eingerichtet für Marmor- und Stuckarbeiten, Boiserien und Prunkmöbel mit vergoldeten Bronzen sowie gestickte Seidentapisserien. Mattia Gasparini entwarf die einem üppigen Rokokostil verhaftete Dekoration des königlichen Appartements, darunter das heute als Salon Gasparini berühmte offizielle Ankleidezimmer. In der königlichen Hoftischlerei versammelte der wohl 1734 im flämischen Herzogtum Limburg geborene, deutschstämmige Joseph Cnops einen Kreis von deutschen Mitarbeitern, die wie er selbst ihr Metier in Paris virtuos erlernt hatten.

Das Zylinderbureau als herausragendes Beispiel der von José Canops gepflegten Möbelkunst

Das für das Kunstgewerbemuseum erworbene Zylinderbureau ist ein herausragendes Beispiel der von José Canops gepflegten Möbelkunst: in ihr vereinigen sich der von Mattia Gasparini entwickelte fulminante Rokokodekor – eine wahrhaft europäische Schöpfung aus italienischer Tradition, dem Vorbild des Pariser Luxus und der exotistischen Begeisterung für die asiatische Kunst – mit der Präzision der deutschen Möbelkunst und dem Reichtum der spanischen kolonialen Welt.

Das Schaffen von José Canops rückt langsam in den Fokus (der Fachwelt)

Trotz ihrer überragenden Qualität ist diese Möbelkunst selbst bei Experten wenig bekannt: das Gros der Möbel befindet sich auch heute in den königlichen Sammlungen im Patrimonio Nacional in Madrid. Außerhalb Spaniens gibt es Möbel von José Canops in öffentlichen Sammlungen allein in San Francisco (Legion of Honour) und in New York (Brooklyn Museum of Art). Erst in jüngster Zeit hat sich die spanische Forschung verstärkt mit der Ausstattung des Madrider Königspalastes durch Carlos III befasst und so findet das Schaffen von José Canops aktuell zu einem größeren Bewusstsein zumindest in der Fachwelt, die lange den berühmten Pariser Ebenisten Jean-François Oeben für die Zuschreibung einzelner Arbeiten herangezogen hat.

Der Weg des Möbels bis zur Erwerbung für die Sammlung des Kunstgewerbemuseums

Das Möbel stammt aus dem deutschen Kunsthandel (Laer, Münsterland) und lässt sich bis in seine Entstehungszeit zurückverfolgen. Nach der Lieferung an den spanischen Hof und der mutmaßlichen Schenkung an den Kaufmann Isaac Behrend Goldschmidt war der nächste Besitzer der Bankier Sir Isaac Lyon Goldsmid (1778-1859). Von ihm gelangte das Möbel nach England zu Sir Julian Goldsmid (1838-1896). Bei dessen Nachlassauktion (1896 Christie's, London) verblieb es in der Familie, aus der es 2001 erneut über Christie’s, London auf den Kunstmarkt kam.

Die Erwerbung verdankt sich der großzügigen Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Rudolf-August Oetker-Stiftung, der Julius-Lessing-Gesellschaft sowie eigenen Mitteln. Mit ihrer Hilfe ist die international europäisch ausgerichtete Sammlung des Kunstgewerbemuseums um ein spektakuläres Hauptwerk bereichert, wo es ab Mitte Oktober 2021 in Saal VII zu sehen ist.