Konzert, Performance und Kuratorenführung in der Ausstellung „Berlin in der Revolution 1918/19“

10.01.2019
Museum für Fotografie

Im Rahmen der Sonderausstellung „Berlin in der Revolution 1918/19. Fotografie, Film, Unterhaltungskultur“ findet bis zum 3. März 2019 ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm im Museum für Fotografie statt: Am 10. Januar 2019 präsentiert eine Musik-Text-Bild-Collage Lieder und Texte von u.a. Friedrich Hollaender, Rudolf Nelson und Siegwart Ehrlich. Am 19. Januar 2019 bieten die Kuratoren Evelin Förster und Enno Kaufhold eine gemeinsame Führung durch die Ausstellung an. Und am 2. März 2019 wird eine Performance auf Basis des verschollenen antibolschewistischen Propagandafilms „Desperados“ aus dem Jahr 1919 aufgeführt.

Straße frei – Fenster zu – hier wird scharf geschossen oder Man tanzt Foxtrott

Eine Musik-Text-Bild-Collage aus dem Berlin der Jahre 1918/1919

Donnerstag, 10. Januar 2019, 19 Uhr

Es knallt in Berlin: Auf den Straßen wird geschossen, auf den Tanzböden getanzt. Von den Kämpfen zerstörte Wohnhäuser, Armut und Hunger stehen im Berliner Revolutionswinter 1918/1919 einer ungebändigten Vergnügungssucht gegenüber, die sich in Tanzlust und Amüsement auslebt. Der Sekt perlt in Gläsern, Plakate an den Litfaßsäulen künden Nackt- und Schönheitstänze an, die Theater werben mit Revuen und Operetten. In den Gartenlokalen spielen Militärkapellen und wer Lust hat, kann eines der vielen Lichtspieltheater besuchen. Das Straßenbild wird von Kriegsheimkehrenden bestimmt, von Verletzten und Krüppeln. Der Aufruf zu Streiks gehört zur Tagesordnung. Gleichzeitig präsentieren Modezeitschriften exklusive Abendkleider und verraten Annoncen, wo Maskenbälle und Kostümfeste stattfinden. Komponisten und Textautoren wie Friedrich Hollaender, Werner Richard Heymann, Rudolf Nelson, Siegwart Ehrlich und Paul Preil beschreiben dieses Berlin musikalisch in Revuen, Operetten, Chansons oder Couplets; Fotografen halten die Revolution in Bildern fest und die Tagespresse informiert die Leser über die aktuellsten Ereignisse. Aus all dem entsteht eine Musik-Text-Bild-Collage, die einen Einblick in das revolutionär aufgewühlte Berlin jener Zeit gibt.

Mit Evelin Förster (Gesang, Recherche und Zusammenstellung), Ferdinand von Seebach (Piano, Arrangements, musikalische Leitung), Andreas Henze (Kontrabass) und Stephan Genze (Schlagzeug).

Eintritt: 10, erm. 5 €, Kartenvorverkauf an der Kasse des Museums für Fotografie und allen Kassen der Staatlichen Museen zu Berlin, online: shop.smb.museum.

Kuratorenführung durch die Ausstellung

Samstag, 19. Januar 2019, 16 Uhr

Die Kuratoren Evelin Förster und Enno Kaufhold führen gemeinsam durch die Ausstellung. Die Aufnahmen der Pressefotografen, insbesondere der Gebrüder Haeckel und von Willy Römer, erzählen eine fotografische Bildgeschichte der Revolution 1918/19. Ihre Aufnahmen sind auch als historische Quellen zu lesen, die etwa erkennen lassen, dass nicht nur Arbeiter und Soldaten Akteure der Revolution waren. Zugleich wird auf den Film wie auf die Unterhaltungskultur im Winter 1918/19 eingegangen, um ein authentischeres Bild von den Revolutionsmonaten und der bestehenden Parallelwelt zu vermitteln. Denn die teils kriegerische Gewalt gehörte ebenso dazu, wie die Lust an den Vergnügungen.

Eintritt: 4 € zzgl. Museumseintritt, keine Anmeldung erforderlich 

Desperados 1919 – Performance von Rudolf Herz und Julia Wahren in Zusammenarbeit mit Zoro Babel

Samstag, 2. März 2019, 20 Uhr

Anarchisten unterwandern die Arbeiterschaft, rauben und entführen, schüren Aufstand – und am Ende ereilt sie die Strafe: Sie werden von den Arbeitern erschlagen. So sah im Jahr 1919 ein antibolschewistischer Propagandafilm aus, der in München gedreht wurde. „Desperados“ hieß der Stummfilm; finanziert wurde er von zwei Ministern der Regierung Eisner – sicher ohne dessen Wissen und unter strikter Geheimhaltung. Ein Verrat von Sozialdemokraten an Revolution und Rätebewegung. Als der Film in die Kinos kommt, ist seine makabre Vision schon Geschichte: Die bayerische Räterepublik ist blutig niedergeschlagen.

Der Film ist verschollen und war lange Zeit vollkommen vergessen. Nun wurden Stills, Treatment und zahlreiche Dokumente wiederentdeckt. Die Performance umreißt die Handlung des Films. Der die Performance durchziehende Sachtext beleuchtet das Werk, seine Entstehung, Rezeption und Wirkungsgeschichte. Die wenigen erhaltenen Filmstills, bildmächtig und in starkem Rhythmus projiziert, sind weitaus mehr als eine Illustration des Vortrags. Als Zeitzeugnisse aus dem Bereich der Fiktion schlagen sie in die Gegenwart ein, bilden zusammen mit graphischen Elementen, Klang, Geräusch und Musik den Puls der Performance. Im Dialog mit Text und Bild bespielt der Perkussionist Zoro Babel verschiedenste Metallelemente, Werkzeuge, Maschinenteile – alles Materialien, die aus dem Kontext früherer Artillerie-Werkstätten stammen könnten. Julia Wahren schafft mit Stimm- und Textkompositionen die Verbindung zwischen historischem Sachverhalt, Reflexion und künstlerischer Synthese.

Eintritt: 10, erm. 5 €, Kartenvorverkauf an der Kasse des Museums für Fotografie und allen Kassen der Staatlichen Museen zu Berlin, online: shop.smb.museum.

Die Ausstellung „Berlin in der Revolution 1918/19. Fotografie, Film, Unterhaltungskultur“

Bis 3. März 2019

Eine Sonderausstellung der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin im Rahmen des Berliner Themenwinters „Es lebe das Neue! 100 Jahre Revolution – Berlin 1918/19“, gefördert vom Hauptstadtkulturfonds und in Kooperation mit der bpk-Bildagentur und ullstein bild collection

Mit über 300 Fotografien, Postkarten, Plakaten, Notentitelblättern, Zeitungen und Illustrierten, mit Filmausschnitten, Wochenschauen und Audiostationen zeigt die Ausstellung im Museum für Fotografie gleichermaßen eine fotografische Bildgeschichte der Revolution 1918/19 in Berlin wie ein Panorama der Unterhaltungskultur dieser unruhigen Monate. Die Revolution im Winter und Frühjahr 1918/19 und damit der Kampf um den Aufbau der ersten deutschen Republik entschied sich in den Straßen der Reichshauptstadt Berlin. Mit dabei waren immer Pressefotografen wie Otto und Georg Haeckel oder Willy Römer, die mit ihren Kameras die Redner in der Menge, die Soldaten hinter den Maschinengewehren, die Plakatwagen der Parteien für die Wahlen zur Nationalversammlung sowie die zerstörten Häuser und verwüsteten Plätze aufnahmen. Doch gleichzeitig ging der Alltag in der Stadt weiter, besuchten die Menschen die vielen Kinos mit ihrem expandierenden Filmangebot, amüsierten sich in Revuen und Kabaretts, tanzten One-Step, Two-Step und Foxtrott.

Zur Ausstellung ist eine Publikation im Kettler Verlag erschienen.