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Interview mit Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte

27.10.2012
Neues Museum

Was wir schon immer über das Museum für Vor- und Frühgeschichte wissen wollten …
Direktor Matthias Wemhoff weiß die Antworten.

Welches Zeitalter ist unter der Bezeichnung Vor- und Frühgeschichte zu verstehen?

Die Bezeichnung erklärt sich aus der Wissenschaftsgeschichte: Lange Zeit wurde Geschichte als Begriff nur für die auf schriftlichen Quellen beruhende Forschung benutzt. Alles, was aus schriftlosen Epochen stammt, wurde damals als Vor- oder Urgeschichte eingestuft und alles, was nur durch wenige Schriftquellen überliefert wurde, galt als Frühgeschichte. Heute begreifen wir alle Quellengattungen als gleichberechtigte Geschichtswissenschaften.

Der Bestand Ihres Museums basiert auf Grabungsfunden berühmter Forscher und Abenteurer - wie arbeiten Archäologen heute?
Tatsächlich ist ein Großteil des Bestandes in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg im Rahmen großer Forschungsprojekte zusammengetragen worden. Aber auch Sammler haben eine große Rolle gespielt. Heute setzt der Kulturgüterschutz sinnvolle neue Rahmenbedingungen. Sammlungszuwächse sind vor allem durch den Erwerb von Altsammlungen möglich und für uns als Museum, das die älteren Epochen der europäischen Kulturgeschichte wie kaum ein anderes umfassend präsentieren kann, auch eine Notwendigkeit. Nur selten steht heute der spektakuläre Einzelfund im Mittelpunkt.

Das Museum für Vor- und Frühgeschichte ist eng verknüpft mit dem Namen des weltweit bekannten Archäologen Heinrich Schliemann. Er entdeckte die Ruinen Trojas und vermachte seine Sammlung den Berliner Museen. Was bedeutet dieser einmalige Schatz für Ihr Haus?
Heinrich Schliemann ist einer der großen Stifter unseres Museums und der Staatlichen Museen zu Berlin überhaupt. Er verdient es, viel stärker gewürdigt zu werden, als dies bisher der Fall ist. 9000 von einst 12000 Objekten befinden sich in unserem Museum und sind von großer Bedeutung für die Wissenschaft. Leider werden die Goldfunde und weitere Objekte noch immer in Russland völkerrechtswidrig zurückgehalten.

Auch die Überreste eines Neandertalers befinden sich in Ihrer Sammlung. Was können uns Knochenfunde aus 45 000 v. Chr. heute erzählen?
Gerade der Neandertaler von Le Moustier - ein prähistorischen Fundplatz in Frankreich - zeigt, wie wichtig Altsammlungen sind. Die Neandertalforschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht - "unser" Schädel hat dabei immer eine große Rolle gespielt und ist auch 100 Jahre nach der Erwerbung noch ein herausragendes Stück, denn es gibt bis heute nur wenige ähnlich gut erhaltene Neandertalerfunde.

Was war das spannendste oder bedeutsamste Objekt, das Sie selbst in Ihrer Funktion als Archäologe wieder ans Tageslicht gebracht haben?
Es waren unscheinbare, aber gut datierbare Scherben und eine Münze aus dem 9. Jahrhundert, die es mir ermöglicht haben, eine Brandschicht bei der Ausgrabung des Damenstiftes Herford zu datieren. Dies war ein Schlüsselfund für die Gesamtinterpretation der Grabungsbefunde