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Experten des Rathgen-Forschungslabors sowie weitere Experten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz an Aufdeckung von Fälschungen beim Fall Sammlung Jägers beteiligt

10.01.2012
Rathgen-Forschungslabor

Im Prozess um die vermeintliche Kunstsammlung Jägers, der zu einem seit Ende Dezember 2011 rechtskräftigen Urteil führte, trugen die Ergebnisse der umfangreichen naturwissenschaftlichen Untersuchungen des Rathgen-Forschungslabors dazu bei, den Verdacht der Kunstfälschung zu erhärten und insbesondere Wolfgang Beltracchi als Fälscher zu überführen. Das daraufhin erfolgte Geständnis Beltracchis führte zu seiner Verurteilung am 27. Oktober 2011.

Im Rathgen-Forschungslabor wurden ab September 2010 sieben Gemälde aus dem Komplex der polizeilichen Ermittlungen des Landeskriminalamtes Berlin, Abteilung Kunstdelikte, auf ihre Authentizität untersucht. Die Gemälde, vermeintlich zwischen 1905 und 1927 entstanden, wurden zunächst von den Restauratoren des Forschungslabors nach kunsttechnologischen und restauratorischen Kriterien geprüft. Es kamen dabei innovative mikroskopische und multispektrale Verfahren zur Anwendung. Weiterhin wurden qualitative Mikro-Röntgenfluoreszenzanalysen, FT-IR- sowie Raman-Spektroskopische und mikrochemische Untersuchungen zur Identifizierung der Malmittel durchgeführt.

Der Nachweis bestimmter Pigmente diente dabei als Datierungsnachweis. Finden sich in "originalen" Malschichten Pigmente oder Bindemittel, die erst nach der vermeintlichen Entstehung des Gemäldes in Gebrauch kamen, so sind starke Zweifel an der Authentizität angebracht. Die Verwendung von Titanweiß und organischen Phthalocyaninpigmenten in den besagten Gemälden belegte eindeutig, dass es sich hierbei um Fälschungen handelte. Das Team des Rathgen-Forschungslabors unter der Leitung von Professor Stefan Simon konnte das angegebene Herstellungsdatum für fast alle Gemälde zweifelsfrei ausschließen. In enger Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung und dem Deutschen Archäologischen Institut wurden zudem auf innovative Weise zerstörungsfreie dendrochronologische Untersuchungen zur Altersbestimmung der Spannrahmen durchgeführt.

Auch aus anderen Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz waren Experten in die breit angelegten Untersuchungen eingebunden:
Eine Provenienzforscherin am Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin befasste sich mit den Rückseiten der Gemälde und recherchierte zu Kunsthandlungen und Galerien auf der Suche nach Vergleichs- Etiketten. Die Gemäldegalerie fertigte die Röntgen-, UV- und IRAufnahmen der Gemälde an. Das Justiziariat der Stiftung war ebenso mit den Vorgängen befasst wie die Arbeitsstelle für Provenienzforschung des Instituts für Museumsforschung.

Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sagte hierzu: "Wissenschaftler aus den Einrichtungen der SPK, vor allem aber aus dem Rathgen-Forschungslabor, haben entscheidend dazu beigetragen, stichhaltige Beweise zu erbringen, die eine Fälschung der Gemälde eindeutig belegen. Dies zeigt, dass naturwissenschaftliche Analysen von Kunstobjekten, aber auch Provenienzrecherchen, in derartigen Prozessen von ebensolcher Bedeutung sind wie stilkritische Expertisen."

Das Rathgen-Forschungslabor wurde 1888 gegründet und dient heute als das Fachinstitut für konservierungswissenschaftliche, kunsttechnologische und archäometrische Belange der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. Seine Expertise in Fragen der Konservierung und Erhaltung von mobilem und immobilem Kunst- und Kulturgut ist weltweit gefragt.