01.09.2026
Museum Europäischer Kulturen
Nach 13 Jahren als Direktorin des Museums Europäischer Kulturen verabschiedete sich Elisabeth Tietmeyer Ende August 2026 in den Ruhestand. Ihr Werdegang ist eng mit der Entstehung des Museums verknüpft.
Seit 1990 arbeitete sie in Museen, ab 1993 als Leiterin der Sammlung Europa im damaligen Museum für Völkerkunde (heute Ethnologisches Museum). In dieser Funktion war sie 1999 maßgeblich an der Fusion dieser Sammlung mit dem damaligen Museum für Volkskunde zum Museum Europäischer Kulturen (MEK) beteiligt. Ab 2000 als stellvertretende Direktorin und schließlich ab 2013 als Direktorin sorgte sie für die Etablierung des MEK in Berlin sowie in der nationalen und internationalen Museumslandschaft.
Elisabeth Tietmeyer prägte das Museum in vielerlei Hinsicht: Ihr multiperspektivischer Blick auf Sammlungsbestände und einzelne Objekte weitete den Horizont des Hauses und der Besucher*innen. Schon früh verfolgte sie partizipative Ansätze, sprach nicht über Menschen, sondern ließ sie und ihre Communities selbst zu Wort kommen: So brachten sich zahlreiche Vertreter*innen europäischer Regionen, Communities und Migrant*innen bei den jährlich stattfindenden Europäischen Kulturtagen ein. Dabei war es ihr immer ein Anliegen, dass die Auseinandersetzung mit materieller Kultur als museale Kernaufgabe nur im Zusammenspiel mit dem immateriellen Kulturerbe gelingen kann.
Das MEK setzte unter Elisabeth Tietmeyer die Entwicklung zu einem offenen, einladenden Haus fort – für Mitarbeiter*innen und Besucher*innen gleichermaßen. Immer am Puls der Zeit setzte sie sich dafür ein, auch „schwere“ Themen der Zeitgeschichte durch Ausstellungen zu kommentieren. So initiierte sie 2016 zusammen mit dem Verein Kunstasyl e. V. die Ausstellung „daHEIM: Einsichten in flüchtige Leben“, bei der Menschen, die erst kurz vorher nach Deutschland geflohen waren, die Ausstellungsräume des MEK übernahmen. Wenige Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zeigte das MEK 2022 die Ausstellung „Splitter des Lebens. Ein Ukraine-Tagebuch“.
Auch bei Fragen der Provenienz und damit verbundenen Restitutionsforderungen ging sie mit dem Team des MEK neue Wege: Im Rahmen der Auseinandersetzung mit der Sammlung an Objekten des MEK, die den Sámen aus Nordeuropa zugeordnet werden, wurden nicht nur Wissenschaftler*innen hinzugezogen, die in Archiven die Provenienz der einzelnen Objekte erforschten. Zusätzlich wurde ein geschützter Arbeitsraum eingerichtet, in dem Kunsthandwerker*innen aus Sápmi sich den Objekten auf ihre Weise nähern konnten.
Europa zu stärken, indem Menschen durch Begegnungen einander kennen und die Vielfalt der Kulturen des Kontinents schätzen lernen können, ist weniger Lebensaufgabe als vielmehr Lebensinhalt von Elisabeth Tietmeyer. Die Leidenschaft dafür weiß sie auch im Ruhestand durch das Team des MEK gut weitergetragen. Jana Wittenzellner, seit 2022 stellvertretende Direktorin, wird die kommissarische Leitung des Museums bis auf Weiteres übernehmen. Mit „Läuft. Die Ausstellung zur Menstruation“ kuratierte sie eine der erfolgreichsten Ausstellungen des MEK der vergangenen Jahre und setzt so den von Elisabeth Tietmeyer eingeschlagenen Weg fort.