Forschung

Das Museum für Vor- und Frühgeschichte setzt die Erforschung am eigenen Bestand stetig fort und stellt seine Erkenntnisse der Öffentlichkeit vor.

Forschungsprojekte des Museums für Vor- und Frühgeschichte

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert seit 2016 ein Forschungsprojekt am Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin unter dem Titel „Das Gebiet des ehemaligen Ostpreußens während der römischen Kaiser- und Völkerwanderungszeit. Die Funde des 1. bis 7. Jh. n. Chr. aus dem ehemaligen Prussia-Museum Königsberg in den Museen Berlin (Museum für Vor- und Frühgeschichte) und Kaliningrad (Museum für Geschichte und Kunst)“.

Das Projekt ist darauf ausgerichtet, die einzigartigen Bestände der Prussia-Sammlung, die sich heute in Berlin und dem russischen Kaliningrad befinden, zumindest virtuell zusammenzuführen. Die wissenschaftlichen Arbeiten mit den erhaltenen Sammlungsbeständen des Prussia-Museums umfassen jeweils die wissenschaftliche Erschließung und die digitale Dokumentation sowie die Rekonstruktion der archäologischen Grabzusammenhänge bzw. Gräberfelder. Wesentlicher Bestandteil des Projektes ist die internationale Kooperation und die konkrete wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den Projektpartnern in Russland sowie in Polen und Litauen. Die Analyse dieser archäologischen Bestände ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis der Geschichte des südlichen Ostseeraums im 1. nachchristlichen Jahrtausend.

Der aktuelle Dokumentationsstand der in Berlin erhaltenen Bestände der Prussia-Sammlung ist online abrufbar unter: www.smb-digital.de und www.prussia-museum.eu

Ansprechpartner: Dr. Christoph Jahn und Izabela Szter, Wissenschaftliche Mitarbeiter, Museum für Vor- und Frühgeschichte

Seit 2010 beteiligt sich das Museum für Vor- und Frühgeschichte als Kooperationspartner an einem internationalen archäologischen Forschungsprojekt in Rumänien, bei dem die größte bislang bekannt gewordene prähistorische Siedlung Europas untersucht wird.

Sie ist durch vier Verteidigungswällen mit einer Gesamtlänge von über 33 Kilometern gesichert und umfasst eine Fläche von 17,2 Quadratkilometern. Nach Probegrabungen in den Jahren 2007 bis 2013 ist es möglich, die Befestigungsanlagen in die ausgehende südosteuropäische Bronzezeit zu datieren (etwa 14./13. Jahrhundert v. Chr.).

Anhand von magnetischen Messungen und systematischen Oberflächenabsuchungen konnte zudem festgestellt werden, dass große Innenbereiche bebaut waren und eine stadtähnliche Anlage existiert haben muss. Für die kommenden Jahre sind weitere Ausgrabungen geplant. Das Hauptaugenmerk der Untersuchung wird dabei auf den Innenstrukturen liegen: Wie waren die Häuser der Bewohner gebaut, und wie waren sie angeordnet? Zudem stellt sich die Frage nach dem Grund für den Untergang der riesigen Siedlung zu Beginn der Eisenzeit. Seit Sommer 2013 wird das Projekt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert.

Mehr Informationen: Archäologie hautnah: Grabungsalltag in Rumänien

Ansprechpartner: Dr. Bernhard Heeb, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Museum für Vor- und Frühgeschichte
Dauer: seit 2010

Am 1. Januar 2012 hat das Museum für Vor- und Frühgeschichte in Kooperation mit dem Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in Schleswig ein langfristig angelegtes Forschungsprojekt begonnen.

Unter dem Titel "Forschungskontinuität und Kontinuitätsforschung – Siedlungsarchäologische Grundlagenforschung zur Eisenzeit im Baltikum" geht es dabei um die Rekonstruktion und Neubewertung der traditionsreichen archäologischen Untersuchungen in den ehemals ostpreußischen Regionen. Durch die politischen und territorialen Umstrukturierungen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die kriegsbedingten Verluste der Königsberger Prussia-Sammlung waren diese zum Erliegen gekommen. Erst mit der Wiederentdeckung der Bestände im heutigen Kaliningrad, in Polen und in Berlin steht seit den 1990er-Jahren ein für lange Zeit verloren geglaubtes Datenarchiv zur Verfügung.  

Gemeinsame Träger des Vorhabens sind das Museum für Vor- und Frühgeschichte (Prof. Dr. Matthias Wemhoff) und das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in Schleswig (Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim). Mittelgeber ist die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur (AdW). Das Vorhaben umfasst eine Laufzeit von 18 Jahren, beschäftigt drei Wissenschaftler und wird bis zu 18 Doktoranden ausbilden. Mit den Institutionen in Polen, Russland und Litauen sowie weiteren Ländern bestehen enge Kooperationen, um die ehemals dichte archäologische Fundlandschaft wiederzugewinnen und so das einzigartige kulturelle Erbe dieser heute nationalstaatlich geteilten Region zu sichern und nutzbar zu machen.

Ansprechpartnerin: Dr. Heide Eilbracht, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Museum für Vor- und Frühgeschichte
Dauer: seit Januar 2012

Erste naturwissenschaftliche und archäologische Untersuchungen bestätigen die Authentizität des 2007 erworbenen Grabinventars. Die Datierung in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts macht es zu einem Verbindungsglied zwischen den spätrömischen Gräbern der "chefs militaires" und den frühmerowingischen Fürstengräbern mit Goldgriffspatha.

Der Fundkomplex umfasst die Goldgriffspatha mit Schwertzubehör, darunter ein Scheidenmundblech mit Runeninschrift, weitere Waffenausstattung, Beschläge vom Leibgurt und Rangabzeichen. Den hohen Rang des Verstorbenen bezeugen zudem die Mitgabe des Pferdegeschirrs und ein reicher Geschirrsatz mit Glaskannen, Bronzeteller und Terra-Sigillata-Gefäßen. In typologischer und chronologischer Hinsicht erscheint der Komplex als geschlossener Fund. Herstellungstechnische Untersuchungen und archäologische Fundanalysen sollen den kulturhistorischen Kontext des Altfundes ohne Fundortüberlieferung belegen.  

Ansprechpartnerin: Dr. Marion Bertram, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Museum für Vor- und Frühgeschichte

Kommission zur Erforschung von Sammlungen Archäologischer Fundeund Unterlagen aus dem nordöstlichen Mitteleuropa (KAFU)

Die politischen Veränderungen nach 1990 ließen die Idee reifen, die ehemaligen vor- und frühgeschichtlichen Sammlungen Ostdeutschlands und des Ostbaltikums, die nach dem Zweiten Weltkrieg zerstreut oder zerstört waren, zu rekonstruieren. Durch eine gezielte Bearbeitung der noch vorhandenen Reste archäologischer Sammlungen und Archivalien sollte die verlorene Quellenbasis wiederhergestellt werden.

Zu diesem Zweck wurde am 21. Juni 2001 in Berlin die "Kommission zur Erforschung von Sammlungen Archäologischer Funde und Unterlagen aus dem nordöstlichen Mitteleuropa (KAFU)" gegründet. Bereits 1997 hatten deutsche und polnische Fachleute aus Museen und Universitäten eine solche Kommission ins Leben gerufen, die dann 2001 mit einer vom Deutschen Archäologischen Institut finanzierten Geschäftsstelle am Museum für Vor- und Frühgeschichte auf eine organisatorische Grundlage gestellt werden konnte.  

Die KAFU ist in Verbindung mit der Römisch-Germanischen Kommission bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz angesiedelt, ihr Vorsitzender ist nach Satzung der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Seit 2001 finden alle zwei Jahre Kolloquien statt, die einen Überblick über den Stand der Bearbeitung und Erschließung der relevanten Quellen und zu den von der Kommission gestellten Aufgaben bieten sollen. Die KAFU finanziert zudem wissenschaftliche Publikationen, die sich mit dem für die Aufgaben der Kommission relevanten Material beschäftigen.

Ansprechpartner: Dr. Heino Neumayer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Museum für Vor- und Frühgeschichte
Dauer: seit 2001

Seit mehreren Jahren finden in Kooperation mit verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen Untersuchungen an der 9.700 Inventarnummern umfassenden trojanischen Sammlung statt, die durch Schenkung des Ausgräbers Heinrich Schliemann in den 1880er-Jahren in das Museum für Vor- und Frühgeschichte nach Berlin gelangte. In einer ersten, 2008 erschienen Publikation wurden größere Teile der Sammlung detailliert vorgestellt. Der zweite Band ist für 2014 geplant. Die wissenschaftliche Leitung des Projekts liegt beim Museum für Vor und Frühgeschichte in Kooperation mit Prof. Dr. Dieter Hertel, Universität Köln, und Prof. Dr. Ernst Pernicka, Universität Tübingen.  

Fast alle Edelmetallobjekte der Schliemann-Sammlung wurden 1945 von der Sowjetunion als Kriegsbeute beschlagnahmt. Sie werden heute im Puschkin-Museum in Moskau präsentiert. Eine Kooperation mit Moskau zur Anwendung neuer analytischer Verfahren ist in Vorbereitung. Derartige Untersuchungen sind bereits an den wenigen in Berlin verbliebenen Gold- und Silberobjekten, koordiniert durch den Chefrestaurator des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Hermann Born, vorgenommen worden.  

Ansprechpartner: Dr. Bernhard Heeb, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Museum für Vor- und Frühgeschichte

Der als „Britzer Mädchengrab“ in die Literatur eingegangene Grabfund ist noch immer die reichste und aussagekräftigste Quelle im spärlichen merowingerzeitlichen Fundmaterial der Region Berlin-Brandenburg. Die 1951 entdeckte Körperbestattung wurde seinerzeit bereits umfassend archäologisch und naturwissenschaftlich untersucht.

Anlass für die Neuuntersuchung gibt der enorme methodische Fortschritt bei den naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden von menschlichen Gebeinen. In die Neuvorlage mit einbezogen werden die zusammen mit dem Mädchengrab aufgefundenen Überreste eines Erwachsenenskeletts. Vor dem auf Grund der Beigaben stets vermuteten Hintergrund überregionaler Verbindungen nach Thüringen und ins Mittelrheingebiet ergaben sich spezifische Fragestellungen, denen im Rahmen der Untersuchungen systematisch unter anderem mit Hilfe von DNA- und Isotopenanalysen nachgegangen wird. Neben der archäologischen und anthropologischen Neubearbeitung des Skelettmaterials wird an beiden Skeletten auch eine Radiokarbondatierung durchgeführt. Zum Vergleich erfolgt die Einbeziehung des „Neuköllner Reiters“ in das naturwissenschaftliche Untersuchungsprogramm. Ziel des Forschungsprojektes ist die Vorlage neuer Erkenntnisse zur merowingerzeitlichen Besiedlung im Berliner Stadtgebiet, insbesondere zur Herkunft der Siedler.

Ansprechpartnerin: Dr. Marion Bertram, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Museum für Vor- und Frühgeschichte