Erstellung digitaler Kulturgüterregister für Syrien

Die Kulturlandschaft Syrien gehört hinsichtlich der Anzahl und Qualität der dort vorhandenen Denkmäler zu den herausragendsten Regionen weltweit. Viele grundlegende Aspekte heutiger Gesellschaften, z.B. landwirtschaftliche Nutzung und Urbanisierung, lassen sich auf initiale Entwicklungen in dieser Region zurückführen. Da in Syrien zudem alle Zeitabschnitte vom Beginn menschlicher Nutzung ab etwa 1 Million Jahre vor heute bis in die osmanische Zeit durch archäologische oder historische Monumente belegt sind, besitzt das Land eines der international bedeutendsten Kulturarchive.

Durch die aktuellen Entwicklungen im Land ist die Existenz dieses einmaligen kulturellen Erbes, das in weiten Teilen noch nicht wissenschaftlich erschlossen ist, massiv bedroht. Die Zerstörungen in den Altstädten sowie die im großen Stil durchgeführten Raubgrabungen in wichtigen archäologischen Stätten belegen die Dynamik dieses Prozesses, der zum unwiederbringlichen Verschwinden der wichtigsten historischen Zeugnisse des Landes führen kann.

Auch wenn diese Problematik nicht im Fokus der täglichen Berichterstattung steht, bildet sie doch einen wesentlichen Teilaspekt der momentanen Situation in Syrien, die man gegenwärtig allerdings nur registrieren kann. Für die gegenwärtige und zukünftige Bewertung des Denkmälerbestandes ist die systematische Archivierung und Auswertung der vorhandenen Dokumentationen zu den einzelnen Befund- und Fundkategorien daher von grundlegender Bedeutung.

Durch die langjährigen Forschungsprojekte, die in Zusammenarbeit ausländischer Missionen mit der syrischen Generaldirektion für Altertümer und Museen in den vergangenen Jahrzehnten durchgeführt werden konnten, liegen für viele der bedeutendsten archäologischen und historischen Stätten Syriens zahlreiche Daten vor. Viele dieser Forschungsdaten sind jedoch bisher ausschließlich in analoger Form vorhanden, da die digitale Datengenerierung in der Archäologie und Bauforschung im größeren Umfang erst gegen Ende der 1990er begonnen hat. Die vollständige Digitalisierung der älteren Datenbestände bildet daher die grundlegende Voraussetzung für die zukünftige Datennutzung und ihre sinnvolle Zusammenführung in größeren Datenbankprojekten sowie die darauf basierenden Auswertungen zum Stand des Kulturerbes in Syrien.

Das Museum für Islamische Kunst Berlin und das Deutsche Archäologische Institut, die beide durch ihre langfristigen Arbeiten in Syrien über sehr umfangreiche Datensammlungen verfügen, haben daher im November 2013 in einem gemeinsamen Projekt mit der digitalen Erschließung ihrer Archive begonnen. Dabei wurde von Anfang an die internationale Vernetzung mit anderen, ähnlichen Projekten zur langfristigen Dokumentation der Kulturgüter Syriens angestrebt.

Das Projekt „Erstellung digitaler Kulturgüterregister für Syrien / Syrian Heritage Archive Project“ wird dankenswerterweise durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland gefördert. Der Freundeskreis des Museums für Islamische Kunst unterstützt das Projekt aktiv.

Projektstand - Arbeiten 2016 und Ausblick 2017

In seiner vierten Förderphase im Jahr 2016 hat die deutsch-syrische Projektgruppe des Museums für Islamische Kunst im „Syrian Heritage Archive Project“ (SHAP) erfolgreich an der Integrierung von über 15 weiteren Sammlungen zum syrischen Kulturerbe gearbeitet. Diese Sammlungen umfassen Fotografien, Pläne und Dokumente, hauptsächlich zu Themenbereichen der Archäologie und Baugeschichte, aber auch zur Landeskunde und Zeitgeschichte. Autoren dieser Sammlungen sind europäische Forscher und Reisende, wie auch syrische Sammler und Dokumentaristen. Darunter finden sich namhafte Wissenschaftler, wie Eugen Wirth (†), Michael Meinecke (†), Jean-Claude David, Stefan Weber, Eva Haustein-Bartsch und Stefan Heidemann sowie syrische Architekten und Fotografen wie der Fotograf der Antikenverwaltung Marwan Musilmani (†), Mohamad ar Roumi (Fotograf) und der Regisseur Sabah Qabbani (†).

Das SHAP ist ein Gemeinschaftsprojekt des Museums für Islamische Kunst am Pergamonmuseum und dem Deutschen Archäologischen Institut, gefördert mit Mitteln des Kulturerhalts des Außenministeriums. Seit seiner ersten Phase im Herbst 2013 ist die zentrale Aufgabe die Erstellung eines digitalen Archivs der Kulturgüter Syriens, als Initiative zur Rettung wissenschaftlicher Dokumente aber auch als Grundlage für den Wiederaufbau Syriens und gemeinsam mit syrischen Kollegen. Die 9 Projektmitarbeiter des Jahres 2016 kommen aus den Bereichen Archäologie, Kunstgeschichte, Architektur, Weltkulturerbe, Datenbanken und Archivierung, mehr als die Hälfte von ihnen sind Syrer. Zentrale Datenbank der digitalen Archivarbeit ist die Objektdatenbank für Bilder „Arachne“ des DAI. In diese wurden im Jahr 2016 weitere 29.000 Digitalisate (im Gesamtprojekt ca.130.000) eingeordnet. Schwerpunkte der Arbeit bilden Aleppo, Damaskus und Raqqa. In der digitalen Archivierung spielt die exakte geografische Verortung eine bedeutende Rolle. Dazu arbeitet das Team mit dem digitalen Ortsregister des DAI „Gazetteer“. Die geografischen Referenzierung wurden um 1071 Ortseinträge erweitert, die zu den insgesamt 3500 Einträgen bislang hinzukamen. In der Datenbank zur Gebäudedokumentation, einem digitalem Raumbuch zur Erfassung und Zustandsbewertung von baulichem Kulturerbe, wurden Bilder zum Zustand von 75 Gebäuden in Syrien laufend gesammelt, eingeordnet und für die Bewertung der Schäden nach EU Norm systematisiert.

Da das SHAP sich in seinem Auftrag der Arbeit für Syrien und die Syrer verschrieben hat, konnten Wissenschaftler und Professoren aus Aleppo eingeladen werden und ein enger Austausch entstand daraufhin. Die Zusammenarbeit mit dem UNESCO-Projekt „Emergency Safeguarding of the Syrian Cultural Heritage“ in Beirut ist erwähnenswert, wo in zwei Arbeitstreffen mit syrischen Fachkollegen zu Fragen der Inventarisierung und digitalen Archivierung diskutiert wurde. Zu den bereits vorhandenen Kontakten mit der syrischen Antikenverwaltung auf der einen und zahlreichen syrischen Kollegen auf der anderen, sind neue Kooperationen angebahnt worden, wie zu UNITAR, der UN-Organisation mit Arbeiten zur Bewertung von Schäden auf der Basis von Satellitenbildern, und mit ASOR der amerikanischen Initiative zum syrischen Kulturerbe, sowie Aktivistengruppen zum Kulturgüterschutz in der Provinz Idlib vor Ort.

In der anlaufenden Projektphase des Jahres 2017 werden weitere wichtige Sammlungen in das Archiv aufgenommen – vorwiegend aus Syrien selbst und in Zusammenarbeit mit der UNESCO in Beirut.

Besonders die Arbeiten zu Aleppo werden in einem Akteursnetzwerk ausgebaut: im Vordergrund stehen Zerstörungsdokumentation und ein Katalog mit kunsthistorischen Beschreibungen der wichtigsten Gebäude. Dank einer großzügigen Zuwendung der Gerda-Henkel-Stiftung wird dieses Folgeprojekt zu Aleppo im Frühjahr starten und in enger Verbindung zum SHAP bleiben. Beide, das Folgeprojekt und SHAP, sind Teil von „Stunde Null – Eine Zukunft für die Zeit nach der Krise“, ein Vorhaben des Archeological Heritage Network.

Damit die enorme Vielfalt und der Reichtum der syrischen Kulturlandschaft stärker publik werden, soll eine spezielle Webpräsentation geschaffen werden. Dazu ist auch eine Ausstellung angedacht.

Dokumentation der Baudenkmäler Aleppos

Seit 2017 fördert die Gerda Henkel Stiftung ein wichtiges Teilprojekt des Syrian Heritage Archive Project, das die Zerstörung der Baudenkmäler in der Altstadt von Aleppo dokumentiert und ihre Strukturen katalogisiert. Jeder Eintrag des Katalogs konzentriert sich auf ein Gebäude in der Altstadt von Aleppo anhand der folgenden Elemente:

  1. Fotos, die die Baudenkmäler vor 2011 zeigen, basierend auf der digitalen Datenbank des Syrian Heritage Archive Project
  2. Berichte und Materialien zur Schadensbewertung aus dem Projekt „Damage Assessment“ (ebenfalls finanziert von der Gerda Henkel Stiftung)
  3. Kunst- und Architekturgeschichte der Gebäude, verfasst von aleppiner und internationalen Kunsthistorikern
  4. Sozialgeschichtlicher / Stadtgeschichtlicher Hintergrund
  5. Erinnerungen der aleppiner Bevölkerung in Bezug auf diese Gebäude und ihre Umgebung in Form von Texten, Sprachaufnahmen und Filmen
  6. detaillierte Dokumente, Zeichnungen und Pläne der Gebäude

Projektziel ist es zum einen, mit Aleppinern und Syrern in das Gespräch über ihr kulturelles Erbe zu kommen unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit oder ihrem wirtschaftlichen und sozialen Status, und zum anderen eine Diskussion zu starten zwischen den Einwohnern von Aleppo, Interessengruppen und Experten. Daher werden alle Gruppen eingeladen, ihre persönlichen Erinnerungen zu teilen und das immaterielle Erbe dieser Stadt zu dokumentieren, die für ihr legendäres Essen und ihr kohärentes sozio-ökonomisches Gefüge bekannt war.

Das Projektinteresse erstreckt sich außerdem auch darauf, die nationalen und internationalen Medien für die Bedeutung dieser Denkmäler zu sensibilisieren. In Zusammenarbeit mit der UNESCO werden die Materialien für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt.

Der Katalog wird in der wissenschaftlichen Plattform L.I.S.A. der Gerda Henkel Stiftung veröffentlicht. Die Kurzfilme werden auch in sozialen Medien bereitgestellt.

Projektleitung: Zoya Masoud, Prof. Dr. Stefan Weber
Mitarbeiterinnen: Rami Alafandi, Eva Maria Al Habib Nmeir, Dr. Stefan Knost, Prof. Dr. Annalinda Neglia.
Förderer: Gerda Henkel Stiftung
Laufzeit: seit 2017