Forschung

Systematische Provenienzforschung am Museum Berggruen

Die systematische Erforschung der stiftungseigenen Werke im Museum Berggruen wird anteilig durch das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste gefördert. Gegenstand sind die Provenienzen der 135 vor 1945 entstandenen Gemälde, Skulpturen und Werke auf Papier dieser Sammlung der Nationalgalerie. Darüber hinaus untersucht das Projekt die spannende Sammlungsgeschichte der ehemaligen Privatsammlung Heinz Berggruens, die sich wie eine internationale Kunstmarktgeschichte des 20. Jahrhunderts liest.

Ausstellung mit Ergebnissen des Projekts

Die Ausstellung "Biografien der Bilder – Werke und Provenienzen im Museum Berggruen" präsentiert zum Abschluss Ergebnisse des Projekts. Die wissenschaftlichen Grundlagen für die Ausstellung wurden im Rahmen des vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projektes geschaffen. Gegenstand des von 2015 bis 2018 durchgeführten Forschungsprojektes war die Untersuchung der Provenienzen von 135 Werken aus der ehemaligen Privatsammlung von Heinz Berggruen, die sich heute im Eigentum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz befinden und vor 1945 entstanden sind.  Es handelt sich um Gemälde, Arbeiten auf Papier und Skulpturen von Pablo Picasso, Paul Klee, Henri Matisse, Georges Braque und Henri Laurens. Die Provenienzen dieser Werke wurden in den drei Jahren systematisch untersucht, um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz, zu ermitteln.

Heinz Berggruen selbst erwarb keines der Werke vor 1945. Der in dem untersuchten Bestand früheste nachweisbare Ankauf des Kunsthändlers und Sammlers erfolgte im Jahr 1954, die spätesten Käufe sind auf das Jahr 2000 zu datieren. Den Großteil der Erwerbungen, rund 100 der 135 Kunstwerke, tätigte er nach Aufgabe seiner Galerie im Jahr 1980.

Bis zum Projektende konnte bei rund zwei Dritteln (83 Werke) des Forschungsbestandes ein NS-verfolgungsbedingter Verlust ausgeschlossen oder als höchst unwahrscheinlich eingestuft werden. Im Jahr 2015 war dies nur für 38 Werke möglich gewesen.

Bei vier Werken (von Pablo Picasso) konnte festgestellt werden, dass sie von Einsatzkräften der Deutschen Botschaft bzw. dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) bei jüdischen Sammlern in Frankreich beschlagnahmt wurden: „Sitzender Akt, sich den Fuß trocknend“ (1921) und „Der gelbe Pullover“ (1939) gehörten ehemals zur Sammlung Paul Rosenberg, „Kopf einer Frau“ (1906-07) und „Stillleben mit blauer Gitarre“ (1924) zur Sammlung Alphonse Kann. Alle vier Werke wurden direkt nach dem Krieg als NS-Raubkunst an die rechtmäßigen Eigentümer restituiert. Sie gelangten erst später in die Sammlung von Heinz Berggruen.

Ein eindeutig NS-verfolgungsbedingter Entzug eines Kunstwerkes, das nicht bereits Bestandteil eines abgeschlossenen Restitutionsverfahrens war, konnte nicht ermittelt werden. Knapp ein Drittel der Kunstwerke (48) weisen jedoch Provenienzlücken auf, das heißt, dass die Vorbesitzer oder die Zeiträume, in denen sie die Werke besaßen, zum jetzigen Zeitpunkt nicht lückenlos nachgewiesen werden können. Bei dem Großteil dieser Werke mit Provenienzlücken gibt es keinerlei Anhaltspunkte für einen verfolgungsbedingten Verlust. Nur bei vier von ihnen legen die Forschungsergebnisse nahe, dass ein solcher verfolgungsbedingter Verlust vorliegen könnte. Es handelt sich um Pablo Picassos „Bildnis Jaime Sabartés“ (1904) und „Stillleben mit Glas und Spielkarten (Hommage à Max Jacob)“ (1914), Georges Braques „Stillleben mit Pfeife (Le Quotidien du Midi)“ (1914), und Paul Klees „Dreimal drei Kreuze“ (1925). Auf Basis der Publikation der Forschungsergebnisse könnten die Lücken eventuell in Zukunft durch neuere Forschungen oder externe Hinweise geschlossen  werden.

Neben den Provenienzen zu den einzelnen Werken brachte das Forschungsprojekt zahlreiche Erkenntnisse über den NS-Kunstraub in Frankreich, die Kunstmarktstrukturen Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa und den USA, Künstlerkreise in Frankreich, über amerikanische Privatsammlungen der 1930er- und 1940er-Jahre, den Handel „entarteter“ Kunst sowie über komplexe Nachlasssysteme (z.B. Klee-Gesellschaft). Außerdem konnte das Wissen um die Rezeptionsgeschichte und Popularisierungsmechanismen von Künstlern erweitert werden.

Publikation zur Ausstellung

Die Forschungsergebnisse sind im Detail in der Publikation zur Ausstellung nachzulesen. „Biografien der Bilder. Provenienzen im Museum Berggruen“, hrsg. von Petra Winter, Doris Kachel und Sven Haase, Deutscher Kunstverlag (ISBN 978-3-422-07482-8). Essays und Biografien zu ausgewählten Werken veranschaulichen die Geschichte der Privatsammlung von Heinz Berggruen, verweisen auf Vorbesitzer und führen in die Komplexität der Provenienzen und ihrer Erforschung ein. Abbildungen der Werke, Rückseitenfotos, historische Aufnahmen, Porträts der Sammler und Händler, ein umfangreiches Verzeichnis der untersuchten Kunstwerke mit ausführlichen Provenienzangaben und entsprechenden Quellennachweisen und ein Glossar zu den erwähnten Personen runden den Band ab.

Projektleitung: Dr. Petra Winter
Projektförderer: Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (Stiftung bürgerlichen Rechts)
Laufzeit: 2015 bis 2018