Gibt es eine Bauhausmode? In der Forschung zu den Textil-, Web- und Designpraktiken rund um Kostüm und Kleidung am historischen Bauhaus wird zunehmend nach einem Bauhausstil gefragt. Doch während tiefgründige Untersuchungen zu den Modeumschwüngen der Weimarer- und NS-Zeit bestehen, wird die Ermessung eines Bauhaus „Schnittmodells” von einem Mangel an bestehender Kleider und Archivalien unterlaufen. Um sich dieser Frage dennoch anzunähern, konzentriert sich Selene States in ihrem Vortrag auf die Modetafeln der Bauhauszeitschrift „Die Neue Linie“ (DNL). Das Frauenmagazin, das zwischen 1929-1943 beim Otto Beyer Verlag in Leipzig erschien, wurde durch die Gestaltung von Bauhäuslern wie Lázló Moholy-Nagy und Herbert Bayer vor allem für ihre Grafik berühmt. Gegenstand von States Vortrag ist, inwiefern die Modeentwürfe, die in der Weimarer Zeit in der DNL publiziert wurden, Gestaltungsprinzipien des Bauhauses widerspiegeln. Darüber hinaus thematisiert sie Stetigkeiten und formale Wendungen, die die publizierten Entwürfe für die moderne Maßkonfektion nach dem Exil der ‚Entarteten’ Mitarbeiter bei der DNL aufweisen. Vergleichsstudien mit internationalen Frauenzeitschriften zeigen Zusammenhänge und Schnittstellen im internationalen Gestaltungsaustausch, wobei die Verbreitung, Aneignung und Ausgrenzung von bestimmten Designs das Geflecht der vorherrschenden (geo)politischen Beziehungen Deutschlands vor und nach dem Aufstieg des Dritten Reichs erkennen lassen.

In States Vortrag werden zudem die Auswirkungen dieses Kulturerbes auf heutige Designdiskurse erörtert. Anhand ihrer Rechercheergebnisse zum Medium Schnittmuster sowie ihren Erfahrungen während ihrer Gastlehre an der Bauhaus Universität bespricht States die Anwendungen von formalen Prinzipien aus den historischen Bauhaus Vorkursen auf die Schnittlehre und Gestaltung heutiger Modeentwürfe. Der kritische Austausch mit der Geschichte und Politik jenseits der bloßen Formlehre prägt hier einen radikalen Stil.

Selene States ist Künstlerin, Designforscherin und Übersetzerin. Sie studierte Bildende Kunst und Kunstgeschichte an der UC Berkeley, Universität Heidelberg, Königlich Dänischen Kunstakademie Kopenhagen, UCLA und Kunstakademie Karlsruhe, wo sie 2010 das Diplomstudium abschloss. Ihre wissenschaftlichen Texte und künstlerische Praxis beschäftigen sich mit den performativen Verkörperungen und ästhetischen Dimensionen von feministischen Diskursen. Zu ihren Ausstellungsinstitutionen gehören u.a. die Kunsthalle Baden-Baden (D), Milton Keynes Gallery (UK), Djerassi Institute California, l’Aubette Strasburg (FR); zu den jüngsten Vortragsorten das Fashion Institute of Technology und Parsons School of Design in New York. Mit dem Titel “The Political Timeline of the Pantsuit” setzt sich States PhD Arbeit an der Bauhaus Universität Weimar mit der Neugestaltung einer ‘historischen’ Sammlung von Hosenanzügen auseinander, die sie anhand von Schnittmustern aus der Zwischenkriegszeit nachschneidert. www.selenestates.net

Moderation: Britta Bommert

Mit freundlicher Unterstützung MUSEUM & LOCATION 

Bauhaus-Prägung: Moderne Maßkonfektion und Modeentwürfe in „Die Neue Linie“ (1929-1943)

Vortragsreihe

Angebote für: Erwachsene
Termin: Mi 10.04.2019 18:00 Uhr - 20:00 Uhr
Ort: Kunstbibliothek
Treffpunkt: Vortragssaal Kunstgewerbemuseum
Kosten: kostenfrei
Anmeldung: nicht erforderlich
Sammlung: Kunstbibliothek
Veranstaltungsreihe: MODE Thema MODE

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