Ausgrabungen auf dem Westufer von Theben (1911 und 1913)

Zu den zahlreichen Ausgrabungen, die im Auftrag oder unter Beteiligung des Berliner Ägyptischen Museums zwischen 1898 und 1914 stattfanden, zählen auch zwei Kampagnen auf dem thebanischen Westufer, die eher den Charakter von Versuchsgrabungen hatten.

Unter der Leitung des Ägyptologen Georg Möller (1876-1921) wurden vom 11. Februar bis zum 12. März 1911 in Scheich Abd del-Qurna und vom 26. Februar bis zum 29. März 1913 in Deir el-Medine verschiedene Bereiche freigelegt. Während das Hauptaugenmerk der Kampagne von 1911 vor allem auf den Gebäudestrukturen nördlich des Deutschen Hauses sowie einem Grab aus dem Mittleren Reich (Grab 35) lag, wurden zwei Jahre später neun weitere Areale untersucht. Durch die Arbeiten kamen nach der damals üblichen Fundteilung viele interessante Objekte in die Sammlung des Berliner Museums. Hierunter zählen die zahlreichen Bildostraka, aber auch Teile des Bestattungsinventars von Grab 35 sowie Stelen, Schmuck, Amulette, Keramikgefäße usw. Möller erkannte sehr schnell, dass vor allem Deir el-Medine ein sehr aufschlussreicher und ergiebiger Fundplatz sein würde.

Leider war es Georg Möller nicht vergönnt, die Ergebnisse seiner Ausgrabungen zu veröffentlichen, da er bereits 1921 verstarb. 1943 erfolgte eine erste Aufarbeitung des Materials durch den damaligen Kustos der Ägyptischen Sammlung, Dr. Rudolf Anthes (1896-1985). Anhand der hinterlassenen Unterlagen zeichnete er ein Bild vom Verlauf der Grabungen und publizierte die wichtigsten wissenschaftliche Ergebnisse.

In den seither vergangenen beinahe 75 Jahren sind beide Grabungsstätten hinsichtlich verschiedener Fragestellungen immer wieder Gegenstand der Forschung gewesen. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges arbeiteten französische Archäologen unter der Leitung von Bernard Bruyère (1879-1971) von 1922-1940 und 1945-1951 in dem Gebiet der ehemaligenGrabungskonzession von Möller und erforschten Deir el-Medine systematisch. Die Untersuchungen wurden in den Folgejahren von verschiedenen Wissenschaftlern und Institutionen fortgeführt. Unzählige wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Beiträge haben seitdem den antiken Ort, die damals dort lebenden Menschen und deren Gräber zum Gegenstand.

Dennoch ist es unerlässlich, die seinerzeit von Möller gemachten und von Anthes vorgelegten Ergebnisse in aktuelle Forschungsfragen einzubeziehen und alte Erkenntnisse aufgrund der Vielzahl neuer wissenschaftlicher Fragestellungen und Methoden zu hinterfragen.

Mit diesem Anspruch erfolgt nun eine umfassende Aufarbeitung der beiden Grabungskampagnen von 1911 und 1913 unter heutigen wissenschaftlichen Maßstäben. Hierbei geht es um rund 700 Artefakte aus der Ägyptischen Sammlung. Dagegen sind die zahlreichen Schriftostraka bereits vor einiger Zeit ausgewertet worden.

Viele der bisher identifizierten Objekte aus den Grabungen in Scheich Abd del-Qurna und Deir el-Medine zählen zu den Kriegsverlusten des 2. Weltkrieges. Außer den vorhandenen oder ausschließlich durch alte Fotos belegten archäologischen Fundstücken, werden unterschiedliche Archivalien (Grabungstagebücher, Fundjournale, Zeichnungen u. ä.) in die Auswertung mit einbezogen.

Am Ende des Projektes sollen die Ergebnisse in einer abschließenden Publikation vorgelegt werden. In ihr werden die vorhandenen und verloren gegangenen Objekte diskutiert und abgebildet. Zudem ist eine Sonderausstellung geplant, in der die Resultate einem breiten Publikum präsentiert werden sollen.

Projektbeteiligte: Prof. Dr. Friederike Seyfried (Ägyptologin / Direktorin des Ägyptischen Museums und Papyrussammlung); D. Ph. Klaus Finneiser (Ägyptologe / Museumskurator); Dr. Jana Helmbold-Doyé (Ägyptologin / Museumskuratorin); PD Dr. Jan Moje (Ägyptologe) und Dr. habil. Daniel Polz (Ägyptologe / Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo)
Projektträger: Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung. Teilfinanzierung durch den Verein zur Förderung des Ägyptischen Museums Berlin e.V.
Laufzeit: Juli 2018 bis Juli 2019