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2010 schenkte das Ehepaar Ulla und Heiner Pietzsch dem Land Berlin ihre bedeutende Kunstsammlung, die rund 160 Werke umfasst. Sie wurde der Neuen Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Dauerleihgabe überlassen. Ihren Kern bilden Werke des Surrealismus und des Abstrakten Expressionismus der New Yorker Schule.
Das durch das Land Berlin finanzierte Projekt untersuchte seit Januar 2023 systematisch die Herkunfts- und Besitzgeschichten der bis 1945 entstandenen Werke der Sammlung, um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz, zu ermitteln. Gegenstand der Erforschung waren rund 100 Objekte – darunter Gemälde, Arbeiten auf Papier, Skulpturen und eine Fotografie – von namhaften Künstler*innen wie Salvador Dalí, Max Ernst, René Magritte, Joan Miró, Tamara de Lempicka und Dorothea Tanning. Das Ehepaar Pietzsch erwarb die Werke seit Mitte der 1970er Jahre bis in die 2000er Jahre hinein auf dem internationalen Kunstmarkt über Galerien, Händler*innen und Auktionshäuser.
Bis zum Projektende konnte bei über der Hälfte (54 Werke) des Forschungsbestandes ein NS-verfolgungsbedingter Verlust ausgeschlossen werden, d. h. die Provenienz ist für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 rekonstruierbar und unbedenklich.
In einem Fall, André Massons „Jäger“, wurde festgestellt, dass das Werk vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) als Teil der Sammlung von Alphonse Kann, der aus einer jüdischen Bankiersfamilie stammte, 1940 in Frankreich beschlagnahmt wurde. Dieses Gemälde wurde direkt nach dem Krieg als NS-Raubkunst an die rechtmäßigen Eigentümer restituiert. Es gelangte später in die Sammlung von Ulla und Heiner Pietzsch.
42 Werke weisen Provenienzlücken für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 auf. Diese Lücken beziehen sich auf unbekannte Vorbesitzer*innen, oder es ist nicht lückenlos rekonstruierbar, in welchen Zeiträumen sie diese Werke besaßen. Für keines dieser Werke gibt es zum jetzigen Zeitpunkt Anhaltspunkte für einen verfolgungsbedingten Verlust.
Mit Abschluss der Forschungen steht kein Kunstwerk mehr im Verdacht, während der NS-Zeit unrechtmäßig entzogen worden zu sein. Die Provenienzen der Einzelwerke werden als Ergebnisse des Forschungsprojekts online auf recherche.smb.museum veröffentlicht.
Die Provenienzforschung zu den surrealistischen Werken aus der Sammlung Pietzsch förderte eine zentrale Erkenntnis zu Tage: Insbesondere die 1920er bis 1930er Jahre waren durch informelle Beziehungen stark geprägt. Die Zirkulation von Werken zwischen den befreundeten Schriftsteller*innen und Künstler*innen in diesen Jahren war äußerst dynamisch, ständig gingen Bilder aus einem Besitz in den anderen über.
Hinsichtlich der Werke aus der Sammlung Pietzsch ergibt sich zudem ein Bild von stark international geprägten Provenienzen. Sowohl die Künstler*innen als auch die Besitzer*innen und die Objekte selbst bewegten sich ausgesprochen viel: Zum einen aufgrund der Vielzahl surrealistischer Gruppen, die sich an verschiedenen Orten (u. a. Paris, Brüssel, Prag, London) zusammenschlossen – sie standen in regem Kontakt miteinander und stellten immer wieder gemeinsam aus.
Zum anderen fand bereits früh ein transatlantischer Handel mit surrealistischen Werken statt. Vor allem die Besetzung weiter Teile Europas durch die Nationalsozialisten ab 1939 führte jedoch zu Flucht- und Emigrationswellen. Als die deutsche Wehrmacht 1940 Paris einnahm, floh ein Großteil der Kunstschaffenden, aber auch ihrer Sammler*innen in den unbesetzten Teil im Süden Frankreichs. Wenn sie die Möglichkeit dazu hatten, emigrierten sie in die USA oder nach Mexiko.
Schon in den 1930er Jahren waren, unter anderem befördert durch die New Yorker Galeristen Julien Levy und Pierre Matisse, mehrere der untersuchten Gemälde auf Ausstellungen in den USA zu sehen. Damit trugen sie bereits zu einer großen Popularisierung des Surrealismus bei, noch bevor viele der Surrealist*innen selbst in die Vereinigten Staaten kamen.
Die Ausstellung „Max Ernst bis Dorothea Tanning. Netzwerke des Surrealismus Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch“ (Laufzeit: 17. Oktober 2025 bis 1. März 2026) in der Neuen Nationalgalerie präsentiert die Ergebnisse des Forschungsprojekts. Zur Ausstellung erscheint eine Broschüre in der Reihe „Begleithefte zur Provenienzforschung“ des Zentralarchivs, die exemplarische Objektbiografien und Provenienzen vorstellt.
Einrichtung: Neue Nationalgalerie und Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin
Projektleitung: Dr. Petra Winter (Zentralarchiv)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. Lisa Hackmann (Zentralarchiv)
Museologische Assistenz: Francisca Cruz
Wissenschaftliche Begleitung: Dr. Maike Steinkamp (Neue Nationalgalerie), Dr. Sven Haase, Sara Sophie Biever (Zentralarchiv)
Projektförderung: Land Berlin
Projektlaufzeit: Januar 2023 bis Ende 2025
Publikation: Lisa Hackmann, Sara Biever (Hrsg.): Max Ernst bis Dorothea Tanning. Netzwerke des Surrealismus. Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch. Begleitpublikation zu Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Berlin 2025.