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Reflexionen über Malerei
Gerhard Richters „Birkenau“-Zyklus in der Alten Nationalgalerie

16.03.2021 bis 03.10.2021
Alte Nationalgalerie

Die Ausstellung eines zentralen Werks von Gerhard Richter ist dem übergeordneten Thema der Möglichkeiten und Grenzen von Malerei gewidmet. Der aus vier großformatigen, abstrakten Bildern bestehende Zyklus „Birkenau“ von 2014 stellt das Ergebnis einer langen und tiefen Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Holocaust dar. Intensiv beschäftigte Gerhard Richter dabei die Frage, ob und wie der beispiellose Völkermord überhaupt darstellbar sei. 

Bereits unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in Deutschland über die Frage, ob und wie der Holocaust künstlerisch darstellbar sei, sehr offen diskutiert. Angesichts des bis heute schier unfassbaren Völkermordes, den die Nationalsozialisten an bis zu 6 Millionen Juden verübt hatten, sprachen zahlreiche Kunstschaffende von einem nichtangemessenen Unterfangen und lehnten eine künstlerische Darstellung des Holocaust kategorisch ab.

Künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust

Gerhard Richter näherte sich diesem Thema immer wieder. Angefangen mit Zeichnungen zum Tagebuch der Anne Frank (1957) folgten in den 60er Jahren die inzwischen zerstörten Bilder „Erschießung“ und „Hitler“ und danach die Bilder „Tante Marianne“, „Onkel Rudi“ und „Herr Heyde“. Gleichzeitig nahm er zahlreiche Fotos zum Holocaust in seinen „Atlas“ auf. Dreißig Jahre später machte Gerhard Richter Entwürfe mit diesem Thema für die Eingangshalle des Bundestages, die er aber doch verwarf und dafür die Glasarbeit „Schwarz-Rot-Gold“ vorschlug, die seit 1997 dort platziert ist. Der Kontakt zu Georges Didi-Huberman und seinem Buch „Bilder trotz allem (2008)“, speziell zu den vier Fotografien, beschäftigte Gerhard Richter lange und führte 2014 zu den vier „Birkenau“-Bildern.

Der Zyklus „Birkenau“

Die Fotografien, die ein Häftling heimlich machte, zeigen unter anderem Leichen der zuvor in Gaskammern ermordeten Lagerinsassen in einem Waldstück sowie nackte, auf dem Weg zur Gaskammer befindliche Frauen. Im künstlerischen Prozess übertrug Gerhard Richter im ersten Schritt die Fotografien auf vier Leinwände, schuf damit vier figurative Bilder, um sie dann nach und nach zu übermalen. Dabei verwandte er die seit Jahren von ihm eingesetzte Maltechnik, bei der er zunächst mit Pinseln Farbe aufträgt und diese anschließend mit einer Rakel verteilt, oder wieder abkratzt. Dieser Vorgang wurde mehrfach wiederholt.

Malerei zwischen Zeigen und Nicht-Zeigen

Mit jeder weiteren Farbschicht verschwand die gemalte fotografische Vorlage etwas mehr, bis sie schließlich nicht mehr sichtbar war. Angesichts des Grauens und des unfassbaren Verbrechens gegen die Menschlichkeit, das mit dem Holocaust verbunden ist, entsteht bei Gerhard Richter also ein Abstraktionsprozess, der in eine Weigerung der direkten Abbildung mündet. Mit diesem Prozess fand Gerhard Richter einen Weg, auf dokumentarisches Material zurückzugreifen, ohne es direkt zu zeigen. Seine abstrakte Malerei bietet Form- und Farbklänge, erzeugt, gerade mit den zahlreichen schwarz-grauen Flächen, eine melancholische, nachdenkliche Stimmung. Das Figurative und das Abstrakte schließen sich in diesen Werken jedoch nicht aus. Vielmehr eröffnet Richter einen entstehenden Raum zwischen Zeigen und Nicht-Zeigen. Es ist ein Art Zwischenraum, der malerisch, ästhetisch und gedanklich ein weites Feld an Reflexionen ermöglicht.

Werk, Kontext und Reflexionen im Ausstellungsraum

Zur Präsentation in der Alten Nationalgalerie gehört neben den vier malerischen Bildern und Abbildungen der vier Fotovorlagen auch ein großer, vierteiliger Spiegel. Fast von Anfang an begleiteten Glas- und Spiegelarbeiten die Malerei von Gerhard Richter, weil sich seine Bilder nicht als reine Ansichten oder als Blicke durch ein Fenster begreifen lassen, sondern immer zugleich auf eine Realität vor dem Bild verweisen. In diesem Sinne verfolgt Gerhard Richter mit dem Grauen Spiegel, der gegenüber der vier „Birkenau“-Bilder platziert ist, eine weitere Ebene der Auseinandersetzung. Auf diese Weise werden aber nicht nur die vier Gemälde und die damit aufgerufenen Kontexte reflektiert, sondern auch wir selbst, die Betrachtenden der Bilder und des Spiegels.

Die Vielschichtigkeit von Abbildung und Darstellung, die mit diesem Zyklus aufgerufen wird, berührt Grundfragen der Malerei, wie sie uns über alle Zeiten hinweg beschäftigt haben. Gerade deshalb hat sich Gerhard Richter für die Präsentation des „Birkenau“-Zyklus die Alte Nationalgalerie als Ort gewünscht.

Auftakt zu langfristiger Kooperation

Anlass für die Präsentation des „Birkenau“-Zyklus ist eine langfristige Zusammenarbeit der Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, mit der GERHARD RICHTER KUNSTSTIFTUNG. Der „Birkenau“-Zyklus und weitere Arbeiten des Künstlers (ungefähr 100 Werke aus mehreren Schaffensphasen), werden ab 2023 permanent in einem Gerhard Richter-Raum in einem der Häuser der Nationalgalerie gezeigt werden. Eigentlicher Bestimmungsort des Konvoluts ist ein eigener großer Raum im „Museum des 20. Jahrhunderts, dem Neubau am Kulturforum.

Eine Sonderausstellung der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin.

Präsentiert mit Unterstützung des Kuratoriums Preußischer Kulturbesitz.

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Mo geschlossen
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