Kontextualisierung archäologischer Funde: Digitalisierung der fotografischen Dokumentation der Ausgrabungen des Museums für Islamische Kunst in Samarra (heute: Irak) 1911-1913

Erstmals sind alle rund 1.500 der in Berlin aufbewahrten Grabungsaufnahmen von Samarra digitalisiert und über die Online-Sammlung der Staatlichen Museen zu Berlin der weltweiten Öffentlichkeit zugänglich. 

Bis Februar 2022 wurden die Metadaten der 1.250 Glasplatten- bzw. Filmnegative und 192 Diapositive in unterschiedlichen Formaten in der Museumsdatenbank erfasst, mit bereits vorhandenen Digitalisaten der Grabungsfunde verknüpft und als Reprofotografie auf einer Durchlichteinheit digitalisiert. Die Ergebnisse stehen online zur Verfügung.

Samarra gehört zu überragenden Orten der islamischen Kunstgeschichte und Archäologie

Die ca. 125 km nördlich von Bagdad gelegene Stadt Samarra gehört zu den überragenden Orten der islamischen Kunstgeschichte und Archäologie und diente zwischen 836 und 892 als zeitweiliger Regierungssitz der abbasidischen Kalifen. Von hier aus wurde das bedeutendste und größte Reich der gesamten islamischen Geschichte regiert, mit einer geografischen Spannbreite von Nordafrika bis in das westliche Zentralasien.

In Samarra fanden zwischen 1911 und 1913 unter der Leitung von Friedrich Sarre (1865-1945), dem damaligen Leiter der Islamischen Abteilung im Kaiser-Friedrich-Museum (heute Museum für Islamische Kunst) und dem Archäologen Ernst Herzfeld (1879-1948) die ersten systematischen Ausgrabungen eines islamischen Fundplatzes statt. Herzfeld leitete die Ausgrabungsarbeiten auf dem über 50 Quadratkilometer großen Ruinenfeld, einem der größten der Welt. Er organisierte dabei nicht nur die Arbeit, sondern fotografierte, zeichnete und führte Grabungstage- und Fundbücher.

Digitale Bestandsaufnahme aller Grabungsaufnahmen

Ein im Rahmen von NEUSTART KULTUR gefördertes Projekt ermöglicht erstmals die digitale Bestandsaufnahme aller Grabungsaufnahmen dieser beiden Ausgrabungskampagnen und schließt durch die Verknüpfung mit bereits digitalisierten Grabungsfunden eine Lücke in der Dokumentation dieser Objekte.
Die einmaligen Aufnahmen aus Samarra und Umgebung halten zudem den historischen Zustand der Ruinenstätte fest, die 2007 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, gleichzeitig aber auch auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes eingetragen wurde.

Die Online-Stellung dieser Aufnahmen lädt die Nutzer*innen dazu ein, neue Fragestellungen, etwa nach historischen Ausgrabungspraktiken, Protagonisten der Wissensproduktion, Teilhabe und Provenienzen zu entwickeln.

Ausstellung „Samarra Revisited: Grabungsfotografien aus den Kalifenpalästen neu betrachtet“

Ein weiteres Ergebnis dieses Projekts ist die Ausstellung „Samarra Revisited: Grabungsfotografien aus den Kalifenpalästen neu betrachtet“ (4. März - 28. August 2022, Museum für Islamische Kunst). Jetzige und ehemalige Mitarbeiter*innen nahmen die Digitalisierung zum Anlass, die Aufnahmen aus neuen Blickwinkeln zu sehen und in einer Ausstellung zu präsentieren. Ihre persönliche Auswahl zeigt das breite Spektrum an Nutzungsmöglichkeiten von Grabungsfotografien für Archäolog*innen und Provenienzforscher*innen, aber auch als Anknüpfungspunkte an aktuelle gesellschaftliche Debatten. Vor allem dokumentieren sie aber einen herausragenden Fundplatz der islamischen Archäologie, der bis heute nichts an seinem Reiz eingebüßt hat.

Das Digitalisierungsprojekt wurde durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR ermöglicht.


Projektleitung: Dr. Miriam Kühn
Studentische Hilfskräfte: Antonia Naase, Ilaria Rossetti
Digitalisierung: Kulturgutscanner (MIK-Center GmbH)
Technische Umsetzung: Frank von Hagel
Gefördert durch: Deutsche Digitale Bibliothek / Programm NEUSTART KULTUR der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM)
Laufzeit: 14. April 2021 bis 18. Februar 2022
Onlinepräsenz: In Arbeit