Nach wie vor ist der Themenkomplex „Islam in Europa“ gesellschaftspolitisch relevant und wird kontrovers diskutiert. In der Sammlung des Museums Europäischer Kulturen (MEK) befinden sich hunderte von Gegenständen, die einen Bezug zu religiösen und kulturellen Alltagspraktiken von Muslim*innen in Europa aufweisen. Die wenigsten von ihnen wurden bislang erforscht und ausgestellt. Ausgehend von diesem Ist-Zustand erschloss das Projekt das Themenfeld „Muslim*innen in Europa“ in der Sammlung des MEK: Dinge mit Bezug zu muslimischen Alltagskulturen wurden in den Depots wiederentdeckt, ausgewählte Gegenstände wurden tiefer erforscht, Objekte und Ergebnisse werden öffentlich sichtbar. Dabei hinterfragte das Projekt auch die Vorstellung von Muslim*innen als „nicht-europäische Andere“.
Die Dinge in der Sammlung des MEK, die etwas über muslimisches Leben in Europa erzählen, stammen aus unterschiedlichen Regionen und Zeiten. Historische Objekte von Ende des 19. bis zur frühen Mitte des 20. Jahrhunderts wurden vor allem in Südosteuropa (insbesondere heutiges Bosnien und Herzegowina), der Kaukasus-Region und auf der Krim gesammelt. Zeitgenössischere Objekte wurden oft in Mitteleuropa, unter anderem in Berlin, erworben.
Das Projekt erschloss diesen sehr diversen Sammlungsbereich: Vor allem historische Objekte wurden in den Depots wiederentdeckt, einzelne weitergehend erforscht und ausgestellt. Eine größere Auswahl wurde im Rahmen einer Onlinepräsentation der weiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dabei standen Kulturgegenstände im Mittelpunkt, die eine Bedeutung in religiösen Praktiken haben. So wurde das Forschungsfeld eingegrenzt und es konnte vermieden werden, dass nicht-religiöse Alltagspraktiken von Muslim*innen als islamisch und damit als religiös gedeutet werden. Dies geschah in dem Bewusstsein darüber, dass das Leben von Muslim*innen durch mehr als religiöse Alltagspraktiken geprägt ist, dass nicht alle Muslim*innen ihren Glauben praktizieren und dass manche Menschen, die als Muslim*innen wahrgenommen werden, sich nicht als solche identifizieren.
Im Rahmen der Projektarbeit wurden zwei Fragen vertieft behandelt. Zum einen wurden exemplarisch einige Sammlungstätigkeiten näher beleuchtet: In welchem gedanklichen, ideengeschichtlichen und politischen Kontext bewegten sich die Sammler*innen der Gegenstände? Unter welchen Vorannahmen, unter dem Eindruck welcher „Islambilder“ sammelten sie?
Daran knüpfte die zweite Frage an, die sich näher mit den Dingen befasste, die nun in der Sammlung des MEK sind: Welche Bilder und Vorstellungen von (europäischen) Muslim*innen wurden bedient oder infrage gestellt? Dabei ging es auch um die Identifikation von Leerstellen: Was fehlte? Welches Wissen, welche Perspektiven und Erfahrungen wurden bislang nicht bewahrt?
Basierend auf den Arbeitsergebnissen des Projekts wurde gemeinsam mit muslimischen Akteur*innen die zukünftige Sammlungsstrategie für das MEK zum Bereich „Muslimisches Leben in Europa“ entwickelt.
Als temporäre Intervention in der allgemeinen Sammlungspräsentation des MEK zeigte die Installation „Muslimische UnSichbarkeiten“ vom 8. August 2024 bis zum 13. April 2025 Gegenstände, die im Rahmen des Projekts wiederentdeckt und erforscht wurden. Zudem gewährte sie einen Einblick in das Projekt. Parallel zur Arbeit mit der Sammlung wurde die Installation zweimal verändert, um weitere Dinge und Themen sichtbar zu machen. Öffentliche Veranstaltungen luden das Publikum ein, ins Gespräch zu kommen. Heute ist die Intervention Teil der Dauerausstellung. für Schulklassen gibt ein kostenfreies Bildungsangebot.
Die Hauptergebnisse des Projekts wurden in Form von Open-Access-Beiträgen interessierten Öffentlichkeiten zugänglich gemacht. Dazu zählt auch die Online-Sammlungspräsentation „Spuren europäischer Muslim*innen“: Hier werden weitere Gegenstände gezeigt, die Geschichten über religiöse Alltagspraktiken von Muslim*innen in Europa erzählen.
Einrichtung: Museum Europäischer Kulturen - Staatliche Museen zu Berlin
Projektleitung: Elisabeth Tietmeyer (Museum Europäischer Kulturen)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Nushin Atmaca (Museum Europäischer Kulturen)
Förderung: Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
Laufzeit: Dezember 2023 bis April 2025