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Staatliche Museen zu Berlin erinnern mit Gedenkstele an Persönlichkeiten des historischen Tiergartenviertels

17.02.2021
Kulturforum

Das Tiergartenviertel galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als attraktives Wohngebiet und kreatives Zentrum Berlins. Neben vielen Industriellen, Verlegern und Galeristen, Kunstsammler*innen und Mäzen*innen wohnten und arbeiteten hier auch zahlreiche Künstler*innen; Salons prägten das gesellschaftliche Leben der Stadt. Die Staatlichen Museen zu Berlin erinnern nun mit einer Gedenkstele an der Gemäldegalerie an die Persönlichkeiten dieser historisch bedeutsamen Ära.

Gebäude prominenter Architekten

Das Berliner Tiergartenviertel entwickelte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Ort für die Sommerfrische vor den Toren der Stadt zu einem bevorzugten Wohngebiet des Berliner Bürgertums. In unmittelbarer Nähe zum pulsierenden Potsdamer Platz entstanden in hoher Dichte Gebäude prominenter Architekten wie Martin Gropius oder Alfred Messel. Allein von 1888 bis 1930 eröffneten hier über 60 Botschaften und Konsulate sowie große Verwaltungsgebäude, während um die St. Matthäus-Kirche zahlreiche mehrgeschossige Wohn- und Mietshäuser und entlang der Tiergartenstraße viele Villen mit weitläufigen Gartenanlagen entstanden.

Neben Großindustriellen fanden hier auch Intellektuelle und Kulturschaffende mit geringerem Einkommen eine Wohnung. Vertreter*innen verschiedener sozialer Schichten trafen sich in den populären Salons von Hedwig Dohm, Marie von Olfers oder Cornelie Richter.

Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft 

Im Tiergartenviertel lebten viele prominente Persönlichkeiten – zu ihnen gehörten Künstler*innen wie Georg Kolbe, Adolph von Menzel, Max Liebermann, Lucian Bernhard, Tilla Durieux und Anton von Werner. Wissenschaftler wie Max J. Friedländer und Ernst Curtius wohnten hier ebenso wie die Schriftsteller Julius Elias und Carl Zuckmayer oder die Dichterin Else Lasker-Schüler.

Die Cousins Bruno Cassirer und Paul Cassirer eröffneten im Viertel ihre Galerie; Herwarth Walden veranstaltete 1913 in der Potsdamer Straße mit dem „Ersten Deutschen Herbstsalon“ eine der damals wichtigsten Ausstellungen moderner Kunst in Europa. Wohlhabende Unternehmer*innen, Kunstsammler*innen und Mäzen*innen wie Eduard Arnhold, Oscar Huldschinsky, Valentin Weisbach, Franz und Frieda von Lipperheide sowie Eduard Simon und James Simon besaßen hier ihre Wohnhäuser.

Dank und Erinnerung an ehemalige Bewohner*innen

Von der beeindruckenden Geschichte, der repräsentativen Pracht und dem lebhaften Geist des ehemaligen Tiergartenviertels zeugt heute nur noch ein kleiner Bruchteil in Form wenig erhaltener und wiederaufgebauter Gebäude: die St. Matthäus-Kirche in der Mitte des Areals, die Villa Gontard in der Stauffenbergstraße – heute Sitz der Generaldirektion der Staatlichen Museen zu Berlin – und die zur Eröffnung 1998 in die Gemäldegalerie integrierte Villa Parey.

Die 1943 einsetzende Bombardierung hat das Quartier weitgehend zerstört. Doch bereits vor dem Zweiten Weltkrieg hatten die Nationalsozialisten begonnen, für ihre Planungen zur „Reichshauptstadt Germania“ zahlreiche Gebäude für die beabsichtigte „Nord-Süd-Achse“, häufig von jüdischen Besitzern, zu enteignen und abreißen zu lassen. Zahlreiche Bewohner*innen des Tiergartenviertels oder ihre Nachfahren wurden von der nationalsozialistischen Diktatur zur Emigration gezwungen, deportiert oder ermordet.

Neben dem Sammeln, Bewahren und Erforschen gehört auch das Erinnern zu den zentralen Aufgaben von Museen. Die Staatlichen Museen zu Berlin, die am Kulturforum zahlreiche Einrichtungen betreiben, fühlen sich dem Areal und seinen ehemaligen Bewohnern – viele davon großzügige Mäzene und Förderer der Kunst – daher besonders verpflichtet. Die wechselhafte Geschichte des Tiergartenviertels steht mit seinem ehemals vielfältigen, jüdisch geprägten Miteinander und dessen barbarischer Zerstörung exemplarisch für Berlin und die gesamte Bundesrepublik und darf daher nicht in Vergessenheit geraten.

Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin. 

Ganz besonders in einer Zeit, in der der antisemitische Angriff auf die Erinnerungskultur auf Hochtouren läuft, muss die Erinnerung an die Menschen, die während des Nationalsozialismus diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden, wachgehalten werden. Sie sichtbar zu machen und gerade im Alltagsbewusstsein präsent zu halten, ist ein wichtiges Zeichen der Erinnerung – und ein wichtiges Bekenntnis gegen Antisemitismus. Die Erinnerung an die NS-Verbrechen und die Shoah sind zentrale Grundlage jeder ernst gemeinten Aufarbeitung der Vergangenheit.

Samuel Salzborn, Ansprechpartner des Landes Berlin zu Antisemitismus

In großer Dankbarkeit erinnern die Staatlichen Museen zu Berlin nun mit einer Gedenkstele an die ehemaligen Bewohner*innen des Tiergartenviertels. In der Sigismundstraße, Höhe Hitzigallee (ehemals Regentenstraße), in unmittelbarer Nähe zu der in die Gemäldegalerie integrierte Villa Parey, erinnert die Stele an das soziale, gesellschaftliche und mäzenatische Engagement, mit der diese Persönlichkeiten die Berliner Stadtgesellschaft und die Sammlungen der Berliner Museen in erheblichem Maße bereichert haben. 

Das Tiergartenviertel heute

Neben der Philharmonie, der Staatsbibliothek, den Musikinstrumenten-Museum und dem Kammermusiksaal finden sich heute viele Museen, Studien- und Lesesäle sowie weitere und Einrichtungen in dem Areal rund um das Kulturforum. Mit der Neuen Nationalgalerie, der Gemäldegalerie, dem Kupferstichkabinett, der Kunstbibliothek und dem Kunstgewerbemuseum betreiben die Staatlichen Museen zu Berlin im Tiergartenviertel neben der Museumsinsel Berlin ihren zweitgrößten Standort. Auch entsteht hier das Museum des 20. Jahrhunderts der Nationalgalerie nach Plänen des Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron.