Koloniale Kontexte im Frühen Plakat

Reklame für Autoreifen, Tierfutter und Kaffeehäuser als Spiegel und Motor kolonialimperialistischer Weltsicht – wie funktioniert das? In einem Forschungsprojekt untersucht die Kunstbibliothek anhand ihrer Frühen Plakate erstmals eine ganze Bestandsgruppe systematisch mit Blick auf kolonial geprägte und rassistische Inhalte.

Im Rahmen eines Digitalisierungsprojektes in der Sammlung Grafikdesign der Staatlichen Museen zu Berlin wurden 2021/22 rund 3800 Plakate aus den Jahren 1840 bis 1914 erfasst. Sie dokumentieren nicht nur die Anfänge der Plakatkunst in Europa und den USA, sondern reflektieren als populäre Werbemedien auch die Zeit, aus der sie stammen: eine Epoche der Industrialisierung, die mit Innovation und Liberalisierung ebenso einherging wie mit kolonialistischer Expansion und patriarchalischen Strukturen. In den Bildwelten der Reklame stecken ideologische Perspektiven, soziale Verhältnisse und gesellschaftliche Werte, die wir heute kritisch betrachten.

Unter den Frühen Plakaten in der Kunstbibliothek befinden sich rund 350 Objekte, deren Bildinhalte von kolonialen Kontexten geprägt sind. Die Bandbreite der Referenzen ist groß: Von Dokumenten einer Alltagskultur unreflektiert kolonialistischer Selbstverständlichkeit bis hin zur Produktwerbung – vor allem für Kaffee, Tee, Palmöl, Zigaretten und andere „Kolonialwaren“ – mit stereotypisierenden, exotisierenden oder rassistisch diskriminierenden Elementen. Das Forschungsprojekt analysiert die Plakate auf diese Bezüge hin:

  • Wie werden koloniale Theorie und Praxis in visuelle Narrative übertragen?
  • Wie werden Machtstrukturen und hierarchische Vorstellungen von weißer Überlegenheit verbildlicht?
  • Wo lassen sich Diskriminierung, Objektivierung und Sexualisierung ablesen?
  • Und welche Entstehungskontexte stehen jeweils dahinter?

Die Ergebnisse der Bildanalysen werden bereitgestellt in Form von Datenbankeinträgen mit Texten zu jedem einzelnen Plakat, einer DDB-Online-Ausstellung sowie einem vertiefenden wissenschaftlichen Aufsatz.

Es wird evident, wie stark Werbeplakate des 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit einprägsamen Bildern, einfacher Sprache und massenhafter Reproduktion zur Verbreitung und Verfestigung eines bis heute fortwirkenden kolonialistischen und eurozentristischen Weltbilds beigetragen haben. Ziel des Projekts ist, diskriminierungskritische Perspektiven auf die Sammlung zu eröffnen und die Sehgewohnheit des Ausblendens ausbeuterischer Bildformeln aufzubrechen. Ebenso sollen damit weitere Forschungsvorhaben ähnlicher Art damit angeregt werden.


Wissenschaftliches Team: Dr. Ibou Coulibaly Diop, Dr. Kristina Lowis, Dr. Christina Thomson
Projektleitung: Dr. Christina Thomson
Sammlung: Sammlung Grafikdesign, Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin
Projektträger: Staatliche Museen zu Berlin
Laufzeit: 1. Februar bis 31. September 2022
Onlinepräsenz: In Arbeit