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James Simon: Der große Mäzen der Staatlichen Museen zu Berlin

Wer war James Simon? Eine konzise Antwort auf diese Frage gibt der Historiker Olaf Matthes: „Philanthrop, Mäzen, Patriot und jüdischer Weltbürger. James Simon förderte die Bildung breiter Schichten und half den sozial Schwachen. Ihm verdanken die Berliner Museen die Nofretete und andere unermessliche Schätze. Er stand für einen Gemeinsinn, der 1933 gewaltsam zerstört wurde.“

James Simon (1851-1932) wurde durch sein kunstsinniges Handeln sowie die engen Beziehungen zu Willhelm von Bode, der zentralen Persönlichkeit im Berliner Museumsleben zu dem bedeutendsten Mäzen der damals Königlichen Museen. Die Sammlerneigungen James Simons gingen mit den Visionen des Museumsmannes und späteren Generaldirektors eine einzigartige Symbiose ein. Die Schenkungen James Simons, die sich heute auf sieben Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin verteilen, umfassen insgesamt mehr als 10.000 Objekte.

Ein Leben im Zeichen der Kunst und des Gemeinwohls

James Simon wurde als Kind jüdischer Eltern am 17. September 1851 in Berlin geboren und wuchs in einer Epoche des wirtschaftlichen Wohlstands auf. Das Gymnasium vermittelte ihm die Liebe zur Altphilologie und Kultur der Antike, die ihn ein Leben lang begleiten sollte. Er heiratete Agnes Reichenheim, die Tochter eines Textilunternehmers, und gründete mit ihr eine Familie. Obwohl sein Werdegang zum Baumwollunternehmer familiär vorbestimmt war, folgte Simon konsequent seinen kulturellen Neigungen und begann mit Erlangung seiner finanziellen Unabhängigkeit Kunst zu sammeln.

Neben der Kunstleidenschaft galt seine Aufmerksamkeit vor allem dem Gemeinwohl der Armen und Bedürftigen seiner Stadt: Kontinuierlich und selbstlos verwendete er etwa ein Drittel seines beträchtlichen Einkommens für humanitäre Zwecke. Soweit dies im Rahmen des latent vorhandenen Antisemitismus jener Zeit in Deutschland möglich war, war James Simon im Berlin der Wilhelminischen Ära ein gesellschaftlich geachteter Bürger. Er starb am 23. Mai 1932 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee beigesetzt.

James Simon und die Deutsche Orientgesellschaft

Kulturelle Weltgeltung erlangte Simon mit der Ausweitung seines Interesses auf den Vorderen Orient. 1898 gründete er die „Deutsche Orientgesellschaft“ (DOG) und finanzierte ab 1911 die Grabungen in Tell el-Amarna, deren Höhepunkt die Auffindung der heute im Neuen Museum ausgestellten Nofretete-Büste war. 1913 wurden die Funde aus Tell el-Amarna in Berlin ausgestellt, die Simon später generös dem Museum überließ. Diese Objekte lösten eine bis heute ungebrochene Ägypten-Begeisterung in Deutschland aus.

Als stellvertretender Schatzmeister nutzte James Simon die DOG äußerst erfolgreich, um wissenschaftliche Ausgrabungen in Ägypten und im Vorderen Orient zu organisieren und zu finanzieren. Gerade die Deutschland zugesprochenen Fundanteile aus den Grabungen bereicherten die Vorderasiatische Sammlung der Berliner Museen in einem Maße, dass diese hinsichtlich ihrer Weltgeltung zu jenen des Pariser Louvre und des British Museum aufschließen konnte. Zwischen 1897 und 1918 unterstützte Simon die DOG mit einer halben Millionen Goldmark zugunsten der Ausgrabungen in Vorderasien und somit großzügiger als der Kaiser selbst. Nur durch diese Mittel war es möglich, die spektakulären Ergebnisse der Ausgrabungen in Babylon und die museale Zurschaustellung der monumentalen Glasurziegelmauern der Prozessionsstraße und des Ischtar-Tores von Babylon im Pergamonmuseum realisieren zu können.

Umfangreiche Schenkungen an die Berliner Museen

1904 wurde das Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bode-Museum) eröffnet – für Wilhelm von Bode seit Jahren ein zentrales, von Kaiser Wilhelm II. gefördertes Anliegen. Für James Simon war es wichtig, als Sammler und preußischer Patriot an diesem Unternehmen beteiligt zu sein: Er stiftete seine an die 500 Objekte umfassende Renaissance-Sammlung. Diese Schenkung umfasste Kunstwerke der Renaissance, groß- und kleinformatige Skulpturen, Gemälde, Möbel und eine reichhaltige Sammlung an Medaillen. Laut Schenkungsvertrag sollten die Werke „für die nächsten 100 Jahre in einem besonderen Kabinett des Kaiser-Friedrich-Museums als Teil der Sammlung italienischer Skulpturen vereinigt bleiben".

Im Dezember 1918 vollzog James Simon die Wilhelm von Bode bereits im Jahr 1916 angekündigte Schenkung eines Großteils seines Kunstbesitzes. Diese zweite Stiftung – 350 Werke vor allem der deutschen und niederländischen spätmittelalterlichen Holzplastik, sowie Möbel und einige Gemälde – blieb singulär: Kein anderer Großsammler war in der krisenhaften Nachkriegszeit zu einem derart radikalen Schritt bereit. Auch die Werke aus dieser Schenkung sollten laut Vertrag in einem eigenen Saal präsentiert werden.

Großzügiger und vielfältiger Mäzen

Auch das Museum für Asiatische Kunst verdankt James Simon und seiner Frau Agnes einen signifikanten Beitrag zur Erwerbung von Kunstwerken aus dem Nachlass des um die Jahrhundertwende für die Vermittlung japanischer Kunst nach Paris überaus bedeutenden Kunsthändlers Hayashi Tadamasa (1853-1906). Diese Erwerbungen zählen leider zu den kriegsbedingten Verlusten. Darüber hinaus engagierten sich die Simons auf dem Gebiet der japanischen Graphik und stifteten zahlreiche Holzschnitte.

1904 trat Simon an die Spitze des Museumsvereins zu dem 1889 gegründeten Museum für deutsche Trachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes. In dieser Funktion gelang es ihm, das Museum in den Verband der Königlichen Museen zu überführen. Als „Sammlung für Deutsche Volkskunde“ wurde es der Prähistorischen Abteilung des Museums für Völkerkunde unterstellt.

Als Mäzen finanzierte Simon eine Sammlung von 24 großformatigen Hausmodellen aus allen deutschen Landschaften. Sie diente vor allem der Dokumentation und didaktischen Erläuterung von regionalen Wohn- und Arbeitswelten im 19. und 20. Jahrhundert und bietet auch heute noch hervorragendes Anschauungsmaterial. Dadurch ist der Name James Simons auch mit der Geschichte des Museums Europäischer Kulturen (vormals Museum für Deutsche Volkskunde) verbunden.

Für Jahrzehnte dem Vergessen anheimgegeben

Ab 1938 trugen die Objektschilder aller von jüdischen Mäzenen gestifteten Exponate nur noch den Vermerk „Geschenk“ und die Werke Simons wurden im August 1939 aus ihrem angestammten Kabinett entfernt. Nach 35 Jahren war die Würdigung des großen Berliner Mäzens der NS-Rassenpolitik zum Opfer gefallen, und der Name James Simon blieb auch nach 1945 für Jahrzehnte weithin vergessen. Erst ab 1973 wurden Werke der Sammlung in einem Raum der Museen Dahlem gezeigt.

Die Erinnerung an James Simon: Ein zentrales Anliegen der Staatlichen Museen zu Berlin

Seit 2009 wurde in einem eigenen Raum im Bode-Museum wieder an das Mäzenatentum Simons erinnert. Im Jahr 2019 wurde das James-Simon-Kabinett an seinem ursprünglichen Ort im Bode-Museum neu eingerichtet. Zugleich trägt das neu eröffnete, zentrale Empfangsgebäude der Museumsinsel Berlin den Namen James-Simon-Galerie und würdigt damit den bedeutendsten Mäzen in der Geschichte der Berliner Museen.