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Route 2 – Frauen aus biblischen und christlichen Erzählungen

Auf der zweiten Route werden Frauen aus der Bibel und ihre historische Rezeption in den jeweiligen zeitgenössischen Kontexten vorgestellt.

Die christliche Bibel ist ein Buch, das einer patriarchalen Kultur entstammt und dessen Texte überwiegend von Männern aus ihrer überwiegend androzentrischen Perspektive, in der der Mann – im Gegensatz zur Frau – als Norm verstanden wird, verfasst, fortgeschrieben und ausgelegt wurden. Diese männlichen Sichtweisen prägen unser heutiges Bild von Frauen, von denen in der Bibel berichtet wird. Aber stimmt dieses Bild?

Maria, eine Frau mit unbekannten Talenten

In der christlichen Kunst wurde keine andere Frau so häufig dargestellt wie Maria. Als Mutter von Jesus, in dem nach theologischem Verständnis Gott selbst zum Menschen wurde, wurde ihr eine besonders verehrungswürdige Stellung zugesprochen. Als von Gott auserwählte Frau und Mutter, wurde und wird sie von vielen Gläubigen bevorzugt angebetet, wodurch sie sich ihre Fürsprache und Vermittlung erhoffen. Maria empfing ihren Sohn laut der christlichen Bibel als Jungfrau. Damit verkörpert sie zwei einander widersprechende, aber von der Kirche propagierte Ideale: Jungfräulichkeit und Mutterschaft.

Die Mehrheit der künstlerischen Darstellungen zeigen die Gottesmutter als junge, schöne Frau zusammen mit ihrem Kind, so auch das meisterhafte Marmorrelief von Donatello (um 1386–1466) im Bode-Museum. Diese Bildkonvention war viele Jahrhunderte lang fest etabliert, obwohl besonders die apokryphen Schriften – also jene, die keine Aufnahme in die Sammlung des Neuen Testaments gefunden haben – ein sehr vielseitiges Bild von Maria zeichnen. Eine Maria, die lehrte, debattierte, heilte, predigte und die Apostel im Gebet anleitete. Diesen Perspektiven auf Maria wurde in der Folgezeit kaum Aufmerksamkeit geschenkt und ihre Rolle wurde so strategisch auf ihre Jungfräulichkeit und Mutterschaft reduziert. Dies blieb nicht ohne Folge für Christinnen, denen Maria als Vorbild dienen sollte; denn das Abweichen von diesen Idealen brachte Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung unmittelbar in einen Gegensatz zur Heiligen.

„Reine“ und „unreine“ Frauen

Wie ein Gegensatz zur besonders „reinen“ Jungfrau Maria erscheint eine Frau unbekannten Namens, die am unteren Rand eines Sarkophagfragments vom Anfang des 4. Jahrhunderts aus dem Bestand des Museums für Byzantinische Kunst zu erkennen ist. Gemäß der Erzählung im Neuen Testament litt sie bis zur wundersamen Heilung durch Jesus zwölf Jahre lang an Blutungen. Allgemein wird angenommen, dass es sich dabei um vaginale oder uterine Blutungen (lat. uterus für Gebärmutter) handelte. Körperliche Ausflüsse galten nach der jüdischen Tora (den sogenannten fünf Büchern Mose, die von den Christen im Alten Testament übernommen wurden) als „unrein“, wobei der Menstruation eine besondere Rolle zukam. Neben der menstruierenden Frau galten auch sämtliche Personen und Objekte als unrein, mit denen sie während der Regelblutung in Berührung kam. Die Tabuisierung von genitalen Blutungen und die Ausgrenzung menstruierender Menschen aus dem Alltag besteht bis heute, wenngleich dies je nach Kulturraum stark variiert. Wenn sich Frauen, wie auch die Blutflüssige der biblischen Geschichte, sich in Gesundheitsfragen in den Bereich des Glaubens begaben, dann auch, weil die Medizin, die immer männlich dominiert war, sich mit den Funktionalitäten des weiblichen Körpers nicht ausreichend auskannte. Denn die geschlechts- und genderspezifische Medizin ist bis heute eine Randerscheinung, mit fatalen Folgen für Frauen.