Provenienzforschung an den Staatlichen Museen zu Berlin

Die Erforschung der Herkunft der Sammlungsobjekte gehört zu den Kernaufgaben an den Museen. Gleichwohl sind die Anforderungen zur systematischen Prüfung musealer Bestände im Hinblick auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz, seit der Washingtoner Erklärung 1998 sowie dem Beschluss des Stiftungsrates der Stiftung Preußischer Kulturbesitz 1999 komplexer und umfangreicher geworden.

2008 wurde an den Staatlichen Museen zu Berlin eine feste Wissenschaftlerstelle für Provenienzforschung eingerichtet, um die sehr speziellen und diffizilen historischen Recherchen zu aktuellen Restitutionsbegehren für Sammlungsgegenstände der Staatlichen Museen an einer Stelle zu bündeln. Darüber hinaus wird auf diese Weise die systematische Untersuchung der seit 1933 erworbenen musealen Bestände koordinierend vorangebracht. Die Stelle ist angesiedelt am Zentralarchiv, dem Ort der historischen Überlieferung der Museen. Dieser Ort wurde bewusst gewählt, denn die umfangreichen und vielfältigen historischen Quellen des Museumsarchivs bilden den Ausgangspunkt jeder Provenienzrecherche zu den Sammlungsobjekten.

Im Mittelpunkt der Provenienzforschung an den Staatlichen Museen zu Berlin stehen vor allem Eigentumsfragen, die angesichts der über 180jährigen Geschichte nicht nur die Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch Besitzerwechsel in den 1920er Jahren (sogenannte Fürstenabfindung 1926) sowie in der Zeit der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR betreffen. Das schließt die Erforschung von Erwerbungen ein, die auf archäologische Grabungen, Forschungsreisen von Ethnologen oder kolonialgeschichtliche Kontexte zurückgehen. In diesem Zusammenhang steht auch der Umgang mit human remains, den menschlichen Überesten im Fokus der Provenienzforschung. Die Staatlichen Museen machen es sich zur Aufgabe die Herkunft aller menschlichen Überreste in ihren kulturhistorischen Sammlungen sukzessive aufzuklären, um verantwortungsvoll über den weiteren Umgang damit entscheiden zu können.

Zu den Aufgaben der Provenienzforschung gehört auch, Fremdbesitz zu identifizieren und den Eingang eines Objektes in die Museen zu rekonstruieren oder den Herkunftsnachweis eines Werkes zu führen, das als Kriegsverlust galt und im Kunsthandel wieder auftaucht. Auch bei Erwerbungsvorhaben oder der Zuordnung alter Dauerleihgaben und -leihnahmen wird die Hilfe der Provenienzforschung in Anspruch genommen.

Die systematische Prüfung der Bestände im Hinblick auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, erfolgte zunächst für die Erwerbungen der Museen in den Jahren zwischen 1933 und 1945. Als Ergebnis der Recherchen konnten zahlreiche Objekte, vor allem der Nationalgalerie, des Kupferstichkabinetts, des Kunstgewerbemuseums und der Gemäldegalerie an die rechtmäßigen Eigentümer restituiert werden. Parallel wurde damit begonnen, die Erwerbungen der Nachkriegszeit einer systematischen Untersuchung zu unterziehen. Mehrere Forschungsprojekte in den Sammlungen unterstützen diese Nachforschungen.

Neben zeitlich begrenzten Projekten werden von den Kustoden in den Sammlungen stetig Provenienzuntersuchungen vorgenommen, die sich in Bestands- und Ausstellungskatalogen niederschlagen beziehungsweise in Datenbanken und Online-Katalogen dokumentiert werden.

Anfragen zur Provenienzforschung der Staatlichen Museen zu Berlin: provenienzforschung[at]smb.spk-berlin.de

Galerie des 20. Jahrhunderts

Als gemeinsames Forschungsprojekt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und des Landes Berlin zur "Galerie des 20. Jahrhunderts" wurden rund 500 Werke (Gemälde, Skulpturen, Arbeiten auf Papier), die bis 1945 entstanden sind sowie im Eigentum des Landes Berlin stehen und als Dauerleihgaben in der Nationalgalerie und im Kupferstichkabinett verwahrt werden, systematisch untersucht. Die Ergebnisse dieses erfolgreich abgeschlossenen Projekts werden in einem Buch sowie einer Online-Datenbank im Internet präsentiert. Während die Buchpublikation den Fokus auf die historischen Zusammenhänge dieses vergessenen Kapitels der Berliner Museumsgeschichte richtet, stellt die Website die Provenienzen der untersuchten Werke vor.

Bearbeiter: Dr. Christina Thomson, Dr. Hanna Strzoda
Laufzeit: 2010 bis 2016 (abgeschlossen)

Kupferstichkabinett

Zum Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin gehört seit 1992 die „Sammlung der Zeichnungen“, ein Bestand von Ölskizzen, Aquarellen und Zeichnungen des überwiegend 19. Jahrhunderts. Für diese Sammlung, die mit einer Überweisung aus dem ehem. Königlichen Kupferstichkabinett 1878 als gesonderte Abteilung der Nationalgalerie begründet worden war, wurden während der NS-Zeit rund 1.200 Werke erworben. Sie stammten aus den Künstlerateliers und aus privatem Vorbesitz ebenso wie aus Galerien oder ab 1938 verstärkt aus Auktionen. Mit Förderung durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste wurde dieser Bestand systematisch nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut durchsucht.

Bearbeiterin: Dr. Hanna Strzoda
Laufzeit: 2013 bis 2017 (abgeschlossen)
Mehr Informationen: 

Antikensammlung

Im Mittelpunkt eines dreijährigen Forschungsprojekts stand die Erforschung und Dokumentation des Fremdbesitzes der Antikensammlung. Untersucht wurden außerdem die Antiken aus Carinhall (Sammlung Hermann Göring) aus dem Eigentum der Bundesrepublik Deutschland. Eine Publikation in der Reihe der Fremdbesitzkataloge der Staatlichen Museen zu Berlin dokumentiert die Ergebnisse.

Bearbeiterin: Dr. Laura Puritani
Laufzeit: 2013 bis 2016 (abgeschlossen)
Mehr Informationen: Katalog des Forschungsprojektes im Webshop

Museum Berggruen

Die Ausstellung "Biografien der Bilder – Werke und Provenienzen im Museum Berggruen" präsentiert zum Abschluss Ergebnisse des Projekts. Die wissenschaftlichen Grundlagen für die Ausstellung wurden im Rahmen des vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projektes geschaffen. Gegenstand des von 2015 bis 2018 durchgeführten Forschungsprojektes war die Untersuchung der Provenienzen von 135 Werken aus der ehemaligen Privatsammlung von Heinz Berggruen, die sich heute im Eigentum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz befinden und vor 1945 entstanden sind. Es handelt sich um Gemälde, Arbeiten auf Papier und Skulpturen von Pablo Picasso, Paul Klee, Henri Matisse, Georges Braque und Henri Laurens. Die Provenienzen dieser Werke wurden in den drei Jahren systematisch untersucht, um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz, zu ermitteln.

Bearbeiter: Dr. Sven Haase, Doris Kachel
Laufzeit: 2015 bis 2018 (abgeschlossen)
Mehr Informationen: 

Archäologische Museen der SMB: Erwerbungen archäologischer Objekte ab 1970

Seit der Verabschiedung der UNESCO-Konvention gegen illegalen Handel mit Kulturgut im Jahr 1970 ist die Überprüfung der Objektbiographie antiker Kunstwerke ein unverzichtbarer Bereich der Provenienzforschung geworden. Im Mittelpunkt des Projektes steht die Untersuchung der Erwerbungen seit 1970. Beteiligt sind alle archäologischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin.

Bearbeiterin: Dr. Laura Puritani
Laufzeit: seit 2017

Sammlungsübergreifend: Erwerbungen von der Dresdner Bank 1935

Im August 1935 unterzeichneten die Dresdner Bank und der Preußische Staat einen Vertrag, der den Verkauf von rund 4.400 Kunstwerken zum Inhalt hatte. Diese Bestände hatten sich über Jahre durch Kreditgeschäfte – etwa in Gestalt von Sicherungsübereignungen – in der Berliner Zentrale der Dresdner Bank am Schinkelplatz und in den deutschlandweiten Filialen angesammelt. Die Staatlichen Museen zu Berlin waren von Anfang an in die langwierigen Verkaufsverhandlungen eingebunden, da sie als direkt dem Staat unterstellte Institution für die Verwahrung des riesigen Konvoluts zuständig sein sollten. Seit Anfang 2018 untersucht das Zentralarchiv, ob es sich bei dieser staatlichen Überweisung, die das gesamte Spektrum musealer Kunstgattungen von Skulptur über Malerei und Graphik bis hin zu Möbeln, Orientteppichen und persischen Keramiken abdeckt, um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut handelt.

Bearbeiterin: Dr. Hanna Strzoda
Laufzeit: 2018-2020

Kunstgewerbemuseum

Zum Stand der Provenienzforschung bezüglich des Welfenschatzes: SPK-Dossier Welfenschatz

Netzwerke des Kunsthandels & Provenienzforschung

In einem 3-monatigen Projekt, welches vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert wird, soll der Quellenwert der Tagebücher von Prof. Dr. Friedrich Winkler, Kunsthistoriker und Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts von 1933 bis 1950, für die allgemeine Provenienzforschung und die Netzwerke des Kunsthandels untersucht werden. Hierfür werden exemplarisch 4 Tagebücher aus dem Zeitraum 1933-1945 herangezogen. Die Tagebücher befinden sich im privaten Besitz der Familie Winkler.

Bearbeiterin: Doris Kachel
Laufzeit: April bis Juni 2019