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Neues Forschungsprojekt des Ethnologischen Museums untersucht indigene Perspektiven auf Pandemien und Krisen in der Amazonasregion

10.09.2020

Während sich fast ganz Europa im April und Mai 2020 aufgrund der Corona-Pandemie im Lockdown befand, zeigte sich auf der anderen Seite des Atlantik, dass COVID-19 auch vor der dünnbesiedelten Amazonasregion nicht haltmacht. Dies ist der Anlass für ein neues transkulturelles Forschungsprojekt des Ethnologischen Museums, finanziert von der VolkswagenStiftung, das an bereits bestehende Partnerschaften mit Organisationen vor Ort anknüpft und dazu beiträgt, indigenen Perspektiven auf Pandemien und Krisen Ausdruck zu verleihen.

Im Gebiet des oberen Rio Negro (Brasilien/Kolumbien), mit dem das Ethnologische Museum zwei Kooperationen unterhält, waren die Infektionszahlen zeitweise erschreckend hoch: In der brasilianischen Kleinstadt São Gabriel da Cachoeira wurden Ende Mai 511 Infizierte pro 10.000 Einwohner gemeldet. Der Tod mehrerer bekannter indigener Ältester und Leader sorgte in Brasilien auch medial für Aufregung. Da von staatlicher Seite keine Hilfe zu erwarten war, fand in der Region eine beeindruckende Selbstorganisation statt, unterstützt von der brasilianischen Nichtregierungsorganisation Instituto Socioambiental (ISA), einem Kooperationspartner des Ethnologischen Museums, und dem Dachverband der indigenen Organisationen am Rio Negro (FOIRN). Auf der kolumbianischen Seite des oberen Rio Negro, wo das Ethnologische Museum mit der indigenen Oberschule ENOSIMAR kooperiert, wurde schon vor Monaten ein Lockdown angeordnet. Jedoch scheint COVID-19 sich dort erst seit kurzem rapide auszubreiten und auch abgelegene indigene Gemeinschaften zu erreichen, während es Anzeichen gibt, dass sich die Lage in Nordwestbrasilien allmählich entspannt.

Besseres Verständnis der Ausbreitung von COVID-19

Im Mittelpunkt des nun gestarteten Projekts „The Relational Museum: Sharing Knowledge on Epidemics and Crises on the Upper Negro River (Brazil/Colombia)“ des Ethnologischen Museums steht ein besseres Verständnis der Dynamik der Ausbreitung von COVID-19 sowie der lokalen Strategien zum Umgang mit der Bedrohung durch die Krankheit. Zudem sollen die im Projektverlauf gewonnenen Erkenntnisse einem breiten Publikum vermittelt und zugänglich gemacht werden, das sich trotz Reisehindernissen und sozialer Distanzierung für die Situation in anderen Weltgegenden interessiert. Epidemien und Krisen sind in der Amazonasregion kein neues Phänomen, größere Krankheitsausbrüche mit teils dramatischen Folgen sind in der Erinnerung der Älteren noch immer präsent.

Teil des Projekts ist die Förderung eines Netzwerk indigener Forscher*innen mit Stipendien, um in Zusammenarbeit mit zwei Gesundheitsforscher*innen unterschiedliche Geschichten und Gesundheitsdaten vor Ort zu sammeln und in Form von Texten, Interviews, Fotoreportagen und Illustrationen zu dokumentieren. Die Ergebnisse werden auf einer gemeinsamen Website und in Printform publiziert. 

Dekolonisierung von Wissensproduktion

Ziel des Projektes ist es, die in Europa häufig pauschalisierende Darstellung von Indigenen als Opfer einer weiteren Katastrophe (neben Waldbränden etc.) durch persönliche Geschichten zu differenzieren. Dadurch soll zudem vermittelt werden, dass historische Sammlungen nicht nur eine koloniale Bürde darstellen, sondern Anlass geben für lebendige Kooperationen, die zur Dekolonisierung von Wissensproduktion sowie von Beziehungen beitragen können – auch oder gerade in Zeiten von Krisen und sozialer Distanzierung.