Ron Mueck: Hyperreal

10.09.2003 bis 02.11.2003

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin

Der unverstellte Blick auf den menschlichen Körper erschien lange als großes Sakrileg. So wurde der Genter-Altar von Jan van Eyck zunächst nach Adam und Eva benannt, weil das Werk im Mittelalter nicht durch das religiöse Geschehen, sondern vor allem durch die schonungslosen Aktdarstellungen Aufmerksamkeit erregte. Mit der Kunst der Moderne verschwand der Glaube an das Paradies. Die Nackten bei Manet, Munch, Beckmann und in der Skulptur bei Bruce Nauman oder Duane Hanson wurden bald zu Zeichen der Bedrohung und des Ausgeliefert-Seins in der modernen Zivilisation.

Der nackte, allein gelassene Mensch ist auch das große Thema des Australiers Ron Mueck. Seine hyperrealen Nachbildungen des Menschen verstören, weil sie eine Eindringlichkeit erreicht haben, die jedes Wachsfigurenkabinett weit übertrifft. Seine Figuren sind bis in die Haarspitzen nachgeformt und wirken so "lebendig", dass man fast geneigt ist, sie anzusprechen. Als Teil der Wanderausstellung "Sensation" erregten sie bereits 1997 und 1998 weltweites Aufsehen. Inzwischen hat der Künstler neue Skulpturen vollendet, die nach Sydney und London nun im Hamburger Bahnhof vorgestellt werden.

Ein nackter Mann in einem Boot auf großer Fahrt, eine Frau nach der Geburt, eine alte Dame im Sterbebett - die angedeuteten Szenen sind ergreifend und lenken den Blick ganz auf Grenzsituationen des Lebens. Bewusste Maßstabsänderungen machen deutlich, dass es sich nicht um natürliche, sondern um rein künstliche Welten handelt. Die Hyperrealität der Körper stellt jedoch jede Einordnung in Zweifel. Die Grenzen zwischen Biologie und Bildhauerei, zwischen Natur und Kultur bleiben gänzlich offen.