Alberto Giacometti
Ein Rendevous der Sammler am Museumsstandort Charlottenburg

11.07.2008 bis 24.08.2008

Museum Berggruen

Zur Eröffnung der Sammlung Scharf-Gerstenberg mit Meisterwerken des Surrealismus zeigt das Museum Berggruen drei neu erworbene Gemälde und eine Skulptur aus der Friedrich Christian Flick Collection.

Alberto Giacometti, der in den 1910er und 1920er Jahren dem Surrealismus sehr nahe stand, wurde von Heinz Berggruen ebenso geschätzt wie von Dieter Scharf und Friedrich Christian Flick. Die "Große Stehende Frau III" im Foyer seines Museums war das letzte Geschenk Heinz Berggruens an die Nationalgalerie. Mit großer Sympathie hat Heinz Berggruen die Planungen für die Sammlung Scharf-Gerstenberg im östlichen Stülerbau, vis-à-vis dem Museum Berggruen, verfolgt und sich mit Nachdruck für die Präsentation der Sammlung von Friedrich Christian Flick im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin der Nationalgalerie ausgesprochen.

So ergibt sich ein Rendezvous der Sammler der Nationalgalerie im Zeichen Alberto Giacomettis aus Anlass der Eröffnung der Sammlung Scharf-Gerstenberg.

Heinz Berggruen und Alberto Giacometti

"Wenngleich das Paar Matisse und Picasso, jenes Zwillingsantlitz der Moderne, häufig in der Galerie meines Vaters ausgestellt wurde, hatte auch Giacometti einen speziellen Platz in der Galerie Berggruen. Er war präsent in Gestalt eines großen weißen Gipskronleuchters, der im größten der Ausstellungsräume hing. Dieses um 1949 konzipierte Werk war das Ergebnis einer seltenen Zusammenarbeit zwischen Alberto und seinem Bruder, dem Designer und Möbelmacher Diego. Es hat einen dekorativen Charakter, bezieht sich aber zugleich auf ein Hauptthema Giacomettis: das der Figur, die ihre Präsenz innerhalb der Grenzen einer käfigartigen Struktur geltend macht. Viele Jahrzehnte lang wurden Besucher der Galerie in der Rue de l'Université 70 von dem vertrauten, imposanten Anblick des Lüsters willkommen geheißen. Jahre später, als die Galerie auf Antoine Mendiharat, den Assistenten, überging, erhielt das Musée National d'Art Moderne in Paris den Kronleuchter zum Geschenk.

Mein Vater liebte Giacometti sehr. Er sammelte Skulpturen wie die ikonische "La Place" und die "Große Stehende Frau III", die sich jetzt im Foyer des östlichen Stülerbaus befindet. Gelegentlich kaufte er auch eine Zeichnung, aber keine Gemälde. Nun stellt Friedrich Christian Flick dem Museum Berggruen anlässlich der Eröffnung der Sammlung Scharf-Gerstenberg drei Gemälde und eine Skulptur als Leihgaben zur Verfügung. Dies ermöglicht es, Werke in zwei verschiedenen Medien wieder miteinander zu vereinen, die bei Giacometti in einer engen Beziehung zueinander stehen - so wie Picassos Bilddarstellungen seiner Geliebten Fernande von 1909 zu der kubistischen Kopfskulptur desselben Sujets gehören. Skulptur und Gemälde zeugen beide von dem Anliegen, eine Figur im Raum zu situieren, der menschlichen Figur die Wirklichkeit einer physischen, greifbaren Gegenwärtigkeit zu geben, nicht nur die der illusionistischen westlichen Kunst.

In den Gemälden aus der Friedrich Christian Flick Collection erkennen wir Giacomettis Beschäftigung mit käfigartigen Räumen, und in ihnen ist das Gefühl des Gefangenseins viel-leicht noch stärker. Doch das Augenmerk gilt stets der Figur, der physischen Präsenz eines menschlichen Kopfes, während alles andere in den Hintergrund tritt. Die menschliche Figur erscheint mit fast schockierender Frontalität. Nichts lenkt ab von der Wucht dieser menschlichen Präsenz, in welcher der Künstler um das Wesentliche ringt."

Olivier Berggruen