Agnieszka Polska: The Demon’s Brain

27.09.2018 bis 03.03.2019
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin

In der für die Ausstellung im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin entstandenen Mehrkanal-Videoinstallation The Demon’s Brain befasst sich Agnieszka Polska mit der ethischen Frage, wie der*die Einzelne angesichts einer überfordernden Gegenwart gesellschaftliche Verantwortung übernehmen kann. Ausgangspunkt der Arbeit sind Briefe aus dem 15. Jahrhundert, die an Mikołaj Serafin, den Verwalter der polnischen Salzbergwerke, gerichtet waren. In The Demon’s Brain erzählt Polska in einer Mischung aus Realfilm und Animation die fiktive Geschichte des reitenden Boten der Schriftstücke. Auf seinem Weg verliert der Junge sein Pferd und verirrt sich in einem Wald. Dort hat er eine unerwartete Begegnung mit einem Dämon, in dessen Monolog christlich-theologische Vorstellungen mit heutigen Entwicklungen und Zuständen von Rohstoffverbrauch und Umweltzerstörung, Datenökonomik und Künstlicher Intelligenz in Verbindung gebracht werden.

Salz war damals ein kostbares Gut und stellte für das Königreich Polen eine wichtige Einnahmequelle dar. Möglich wurde der Abbau des Minerals durch ein einzigartiges Abkommen. König Władysław III. (1424–1444) übertrug die Minen Serafin, der sie von 1434 bis 1459 innerhalb einer feudalen Gesellschaftsordnung wie ein selbstständiges, frühkapitalistisches Unternehmen führte: Man beschäftigte hauptsächlich bezahlte Arbeitskräfte, finanzierte die Minen durch regelmäßig eingeforderte Verbindlichkeiten und produzierte überwiegend für den Markt, den man zu kontrollieren versuchte. Außerdem war die Salzgewinnung in einer komplexen Arbeitsteilung organisiert. Dank eines engen Netzwerks von Kreditgeber*innen und Schuldner*innen sorgte Serafin dafür, dass der Betrieb gerade so am Laufen gehalten wurde. Den in lateinischer Sprache verfassten Briefen kann man entnehmen, dass die Minen ein rasches wirtschaftliches Wachstum erfuhren, das jedoch auf Kosten menschlicher und natürlicher Ressourcen ging: Kränkelnde und unzufriedene Bauern im Umland, nicht nachhaltige Abholzung und die ständige Bedrohung durch die Pest sind nur einige der Probleme, die darin überliefert sind.

Die Installation The Demon’s Brain, konzipiert für die Historische Halle des Museums, besteht aus vier großformatigen Projektionsflächen und einer Wand mit Texten. Die Filme zeigen unterschiedliche Szenen, die zwar in Endlosschleife laufen. Allerdings sind sie so synchronisiert, dass sie sich ebenfalls gegenseitig kommentieren. Ein tiefer, unterschwelliger Rhythmus vereint die Videos zusätzlich miteinander. Durch diese Verschränkung werden Zeiträume überbrückt. Nachdem der Dämon den Boten wissen lässt, dass er den Lauf der Geschichte ändern könne, durchwandert seine wiederkehrende Verkündigung „It is not too late.“ („Es ist nicht zu spät.“) die Historische Halle und verwandelt sich in einen Appell an den*die Betrachter*in.

In The Demon’s Brain verhandelt Agnieszka Polska die Möglichkeiten individueller Handlung und das Übernehmen von Verantwortung. Zwar scheint der Bote dem Aufruf des Dämons zu folgen, doch aus unserer Perspektive hat sich die Entwicklung mit diesem Eingriff wohl nicht geändert. Hat die Tat des*der Einzelnen dann überhaupt Einfluss auf die komplexen Abläufe der uns umgebenden Welt und wie lässt sich entscheiden, welche Maßnahmen tatsächlich richtig sind? Wem können wir bei dieser Entscheidung vertrauen?

Einen Ausweg deutet die Textwand an. Zwischen Auszügen aus den historischen Briefen an Serafin sind auch Kommentare zu den ökonomischen, ökologischen und technologischen Themen der Arbeit eingefügt, die aus den eigens für den begleitenden Katalog beauftragten Essays stammen. Der Handlungsfähigkeit von Subjekten stehen Beschreibungen von abstrakten Prozessen gegenüber. Aktives Handeln, die Reflektion und der Austausch mit anderen sowie das Erkennen von langzeitlichen Mustern können erste Schritte sein, um die Ohnmacht der vermeintlichen Wirkungslosigkeit des persönlichen Tuns zu überwinden.

Agnieszka Polska (*1985 in Lublin, Polen, lebt in Berlin) wurde im vergangenen Jahr der 9. Preis der Nationalgalerie verliehen. Die Jury bestand aus Zdenka Badovinac, Direktorin der Moderna galerija, Ljubljana, Hou Hanru, Künstlerischer Direktor des MAXXI Museo nazionale delle arti del XXI secolo, Rom, Sheena Wagstaff, Leonard A. Lauder Chairman for Modern and Contemporary Art des Metropolitan Museum of Art, New York, Sven Beckstette, Kurator der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin sowie Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin. Diese Einzelausstellung und eine Begleitpublikation sind Teil der Auszeichnung.

Zur Ausstellung erscheint im Dezember ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König. Herausgegeben von Udo Kittelmann und Sven Beckstette, mit Texten von Sven Beckstette, Federica Bueti, Nora N. Khan, Margarida Mendes, Matteo Pasquinelli, Jan Sowa und Tiziana Terranova. Preis der Museumsausgabe: 34 Euro. Erhältlich ab Dezember im Museum und ab sofort online zum Vorbestellen.

Die Ausstellung wird ermöglicht durch die Freunde der Nationalgalerie und gefördert durch BMW.

Website Preis der Nationalgalerie

Angebote für

© Staatliche Museen zu Berlin, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin / Anika Büssemeier
Materialität in der Kunst

Di 23.10.2018 12:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
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© Staatliche Mussen zu Berlin, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 2014 / Anika Büssemeier
Kunst und Politik

Mi 24.10.2018 12:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Öffentliche Führung
Weitere Termine : Mi 24.10.2018   Mi 31.10.2018   Mi 31.10.2018   Mehr

© Staatliche Museen zu Berlin, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin / Anika Büssemeier
Was ist Kunst?

Do 25.10.2018 12:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Öffentliche Führung
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© Staatlichen Museen zu Berlin / Valerie Schmidt
Kunst und Gesellschaft

Fr 26.10.2018 12:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
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© Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker
Agnieszka Polska: The Demon’s Brain (Guided Tour in English)

So 28.10.2018 12:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Öffentliche Führung
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© Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker
Agnieszka Polska: The Demon’s Brain

So 28.10.2018 14:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Öffentliche Führung
Weitere Termine : So 04.11.2018   So 11.11.2018   So 18.11.2018   Mehr

© Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker
Akademie | Gesprächsreihe 8
Bewegte Bilderwelten aus dem Unterbewussten

Fr 02.11.2018 16:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Akademie: Gespräche zu Kunst und Kultur (mehrtägig)

© Staatliche Museen zu Berlin / Annika Büssemeier
Daniel Milnes (Co-Kurator) führt durch die Ausstellung "Agnieszka Polska: The Demon’s Brain“.

So 11.11.2018 11:30 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
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© Staatliche Museen zu Berlin, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin / Anika Büssemeier
Zeitgenossenschaft

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Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
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© Staatliche Museen zu Berlin, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin / Anika Büssemeier
Zeit zum Erleben.
Ausstellungsgespräch für Menschen mit Demenz

Sa 17.11.2018 15:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Öffentliche Führung
Weitere Termine : Sa 15.12.2018  

© Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker
Klimawandel, wie handeln? Perspektivwechsel mit Felix Creutzig

Do 22.11.2018 18:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Expertengespräch

© Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker
Abhängigkeit der Wirtschaft von Ressourcenausbeutung. Perspektivwechsel mit Karen Pittel

Do 13.12.2018 18:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Expertengespräch

© Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker
Materiality in Art

Di 25.12.2018 12:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Öffentliche Führung

© Agnieszka Polska, Courtesy Zak Branicka Galerie, Berlin and OVERDUIN & CO., LA
Katalogpräsentation

Do 24.01.2019 18:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
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Manipulation von Emotionen im digitalen Zeitalter. Gespräch mit Marie-Luise Angerer

Do 28.02.2019 18:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Ausstellungsgespräch

© Staatliche Museen zu Berlin, Hamburger Bahnhof / Anika Büssemeier
Geschnitten und bewegt

Di 30.10.2018 11:00 Uhr
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Workshop (mehrtägig)

© Staatliche Museen zu Berlin, Hamburger Bahnhof / Anika Büssemeier
Geschichten schneiden, legen, kleben

So 04.11.2018 14:00 Uhr
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Workshop für Schülerinnen und Schüler

© Staatliche Museen zu Berlin, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin, Anika Büssemeier
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Ausstellungsgespräch

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© Staatliche Museen zu Berlin, Bode-Museum

Herbstferienprogramm 2018

Agnieszka Polska, Gewinnerin des Preis der Nationalgalerie 2017, und Sandra Wollner, Gewinnerin des Förderpreis für Filmkunst 2017
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Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin

Agnieszka Polska gewinnt den Preis der Nationalgalerie 2017, Sandra Wollner gewinnt den Förderpreis für Filmkunst 2017

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