Die Neue Nationalgalerie, der "lichte Tempel aus Glas", beherbergt europäische Malerei und Plastik des 20. Jahrhunderts von der Klassischen Moderne bis zur Kunst der 1960er Jahre. Unter ihnen befinden sich Arbeiten von Künstlern wie Munch, Kirchner, Picasso, Klee, Feininger, Dix und Kokoschka.
Moderne Zeiten. Die Sammlung. 1900 - 1945 (bis Herbst 2011).
Bis 22. August 2010 zeigt die Neue Nationalgalerie außerdem Werke des Künstlers Rudolf Stingel.
Unter dem Titel "Moderne Zeiten" präsentiert die Nationalgalerie ihren reichen Bestand zur Klassischen Moderne im Mies van der Rohe-Bau. Der Fokus der Sammlungspräsentation liegt ganz auf der Epoche von 1900 bis 1945, die damit ausgreifender und vielschichtiger als bisher vorgestellt werden kann. "Moderne Zeiten" lenkt den Blick auf Hauptwerke der modernen Malerei und Bildhauerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Höhepunkte aus Expressionismus, Dada, Neuer Sachlichkeit, Bauhaus-Kunst und Surrealismus sind in der Sammlung der Nationalgalerie glanzvoll vereint: Von jenem monumentalen Fries, den Edvard Munch 1906/07 für die Berliner Kammerspiele malte, über Ernst Ludwig Kirchners kraftvolles Hauptwerk "Potsdamer Platz" von 1914 bis hin zu den "Zwei Schwestern" von Fernand Léger mit ihren industriell anmutenden Körpern von 1935. Vorgestellt wird jedoch nicht nur der Kanon der Avantgarden, sondern auch die Vielfalt der Kunst zwischen Figuration und Abstraktion.
Eine weitere, bedeutende Dimension erfährt die Sammlungspräsentation durch fortwährende Verweise auf die Geschichte der Nationalgalerie, die mit ihrer tiefen Verflechtung in die deutschen Ereignisse des 20. Jahrhunderts als diesbezüglich einzigartig gelten kann. So verlor die Nationalgalerie durch den nationalsozialistischen Bildersturm beispielsweise über 500 Kunstwerke. Innerhalb der aktuellen Sammlungspräsentation erinnern Fotografien an ausgewählte Hauptwerke, die ehemals zum Bestand der Nationalgalerie gehörten. Die Präsentation "Moderne Zeiten" bietet daher einerseits den höchsten ästhetischen Genuss von Kunst, andererseits regt sie auch an zur Reflexion über Geschichte, Kunst und Politik.
Der Gang durch die Sammlung folgt nicht streng der Chronologie, sondern wechselt zwischen Künstler-, Themen- und Zeiträumen. Zwei Ausstellungssektionen setzen sich durch ihre Gestaltung von den übrigen Bereichen ab. Zum einen ist dies ein Raum, den das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin in eigener Regie mit Zeichnungen und Grafiken aus ihrem reichen Bestand bespielt. Zum anderen handelt es sich um eine Sektion, welche der Gattung des Porträts gewidmet ist. Dort ist eine Vielzahl unterschiedlichster Porträts collageartig arrangiert, um den Variantenreichtum der in der Sammlung vertretenen Bildnisse vorzuführen. Eine Art geistige Schirmherrschaft übernimmt Charlie Chaplin. Mit dem Titel seines berühmten Filmes »Modern Times« (1936), einer Satire auf die moderne Arbeitswelt, ist die aktuelle Sammlungspräsentation in der Neuen Nationalgalerie überschrieben.
"Moderne Zeiten" ist der erste einer auf zwei Teile angelegten Präsentation der Sammlungsbestände der Nationalgalerie zum 20. Jahrhundert. Im Anschluss an die Klassische Moderne werden ab Herbst 2011 Werke aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt.
Sammlungscharakter
Die Neue Nationalgalerie ist der internationalen Kunst des 20. Jahrhunderts gewidmet. Gegründet wurde das Museum in den 1960er Jahren, als man im Westteil der damals geteilten Stadt Berlin nach einer dauerhaften Bleibe für die Kunst der Moderne suchte. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Teile der ursprünglichen Sammlung mit kapitalen Ankäufen erweitert und als "Galerie des 20. Jahrhunderts" behelfsmäßig in Charlottenburg und Tiergarten ausgestellt. So wurde der Architekt Mies van der Rohe beauftragt, für die Sammlung der Moderne ein dauerhaftes Domizil am Kulturforum gegenüber der Philharmonie zu errichten. 1968 wurde die Neue Nationalgalerie eröffnet und bald weltweit als Ikone der modernen Architektur gefeiert: Mit dem lichtdurchfluteten Pavillonbau hatte Mies van der Rohe einen offenen Universalraum geschaffen, der einzigartig ist und der gleichzeitig jede Ausstellung an diesem Ort zur großen Herausforderung werden lässt.
Sammlung der Moderne
Die Neue Nationalgalerie stellt heute - neben der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel, dem Museum Berggruen und der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Charlottenburg, dem Hamburger Bahnhof in Tiergarten und der Friedrichswerderschen Kirche am Schlossplatz - eine der sechs Säulen der Nationalgalerie dar. Mit dem großen, vielschichtigen Bestand zur Kunst der Moderne zählt die Neue Nationalgalerie zu den bedeutendsten Museen in Europa. Gemälde wie der "Potsdamer Platz" von Ernst Ludwig Kirchner oder das radikale Bild "Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau" von Barnett Newman können als Signets der Sammlung gelten. Der Schwerpunkt insgesamt liegt auf der europäischen und nordamerikanischen Malerei und Skulptur von 1900 bis in das späte 20. Jahrhundert, darunter befinden sich zahlreiche Hauptwerke von Künstlern wie Pablo Picasso, Ernst Ludwig Kirchner, Max Beckmann, Otto Dix, Paul Klee, Francis Bacon, Ernst Wilhelm Nay, Barnett Newman, Frank Stella, Sigmar Polke oder Gerhard Richter.
Chronologisch gesehen schließt die in der Neuen Nationalgalerie gezeigte Sammlung der Moderne an die Bestände der Alten Nationalgalerie an, beginnend etwa mit Werken von Ferdinand Hodler und Edvard Munch. Herausragende Einzelwerke von Pablo Picasso, George Braque und Juan Gris verweisen auf die Möglichkeiten des Kubismus. Die Ausdrucksformen des Expressionismus sind in außergewöhnlicher Dichte zu erleben vor allem in zahlreichen Werken der Künstlervereinigung "Die Brücke". Der Vereinigung gehörten u. a. Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Emil Nolde an. Kirchners "Potsdamer Platz" von 1914 zeigt als verdichtetes Epochenbild das pulsierende Leben an diesem einst verkehrsreichsten Platz Europas.
Zu weiteren Kernstücken der Sammlung zählen Werke von Max Beckmann, Otto Dix, George Grosz und Oskar Kokoschka. Die Arbeiten von Dix und Grosz dokumentieren dabei eine ins Politische gewendete, veristische Kunstauffassung nach dem Ersten Weltkrieg und die darauf folgende Hinwendung zur Neuen Sachlichkeit. Mit Paul Klee, Wassily Kandinsky und Lyonel Feininger sind bedeutende Lehrer des Bauhaus in der Sammlung präsent. Für die surrealistischen Tendenzen der späten 1920er und 1930er Jahre stehen Werke von Giorgio De Chirico, Max Ernst und Salvador Dalí. Die Umbrüche der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg - die Abstraktion, das Aufkommen neuer Realismen - sind in der Sammlung erneut in großer Vielfalt nachvollziehbar. Arbeiten aus der Schenkung des Münchner Galeristen Otto van de Loo belegen beispielsweise die freie, informelle Malerei von Künstlergruppen wie "Cobra" und "Spur". Andere wichtige internationale Bewegungen wie Zero oder Nouveau Réalisme können im Rahmen der Sammlung ebenfalls in ihrer Vielgestaltigkeit dargestellt werden. Der große künstlerische Neuanfang durch die Amerikaner um 1960 wird schließlich durch sensationelle Ankäufe des ehemaligen Direktors der Nationalgalerie, Dieter Honisch, sichtbar gemacht, etwa mit Werken von Frank Stella und Ellsworth Kelly oder durch die spirituell aufgeladenen Farbräume von Mark Rothko und Barnett Newman. Ergänzt wird dieser Blick auf den "Triumph der Malerei" durch Beispiele europäischer Farbfeldmaler, durch Werke von Rupprecht Geiger, Imi Knoebel und Günter Förg.
Zur Sammlung der Nationalgalerie gehört seit der deutschen Wiedervereinigung auch die Kunst der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), die damit am heutigen Ausstellungsort der Neuen Nationalgalerie so vielfältig wie in keinem anderen öffentlichen Museum vertreten ist. Die Sammlung spiegelt das gesamte Spektrum des künstlerischen Schaffens in Ostdeutschland bis 1989 wider, so dass neben Hauptfiguren wie Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer auch Positionen von Künstlern wie Harald Metzkes, Walter Libuda und Werner Stötzer zu sehen sind. Die insgesamt weit gefasste Übersicht über die Kunst der Moderne schließt in der Neuen Nationalgalerie mit Ausblicken auf wesentliche Tendenzen des späten 20. Jahrhunderts, etwa auf konzeptuelle Ansätze bei Hanne Darboven und Roman Opalka oder auf die Anfänge einer zitathaften, post-modernen Malerei bei Sigmar Polke und Gerhard Richter. Die "Richtkräfte", ein Hauptwerk von Joseph Beuys, war ursprünglich am Ort der Neuen Nationalgalerie entstanden. Inzwischen wird das Werk jedoch im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin gezeigt, dem Haus der Nationalgalerie, in dem die Sammlung der Moderne ihre Fortsetzung findet und bis in die aktuellen Entwicklungen der Gegenwart reicht.
Für die Großskulptur des 20. Jahrhunderts wurde mit der Terrasse der Neuen Nationalgalerie ein besonders prominenter Ort geschaffen. Schon von Ferne grüßt der "Broken Obelisk" von Barnett Newman alle ankommenden Besucher. Neben der beweglichen Metallarbeit von George Rickey sind vor allem die Werke von Henry Moore und Alexander Calder hervorzuheben, die von Anfang an zum Bestand des Museums zählten. Viele weitere Skulpturen - von Renoir bis Rückriem - sind im Garten des Museums dauerhaft ausgestellt.
Eine zweite Sammlungspräsentation mit Werken von 1945 bis heute ist für den Herbst 2011 geplant.
