Projektstart zur Erforschung der Herkunft historischer anthropologischer Schädelsammlung

10.10.2017
Neues Museum

In einem zweijährigen Projekt untersucht die Stiftung Preußischer Kulturbesitz seit Oktober die genaue Herkunft von rund 1000 menschlichen Schädeln. Diese wurden um 1900 in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika zusammengetragen. Das Projekt ist am Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin angesiedelt und wird von der Gerda Henkel Stiftung gefördert.

Die Schädel gehören zu den anthropologischen Sammlungen, die die SPK 2011 in äußerst schlechtem Zustand von der Charité übernommen hat. In den vergangenen Jahren wurden sie zunächst aufwändig gereinigt und konservatorisch gesichert. Um ihre Herkunft klären zu können, haben die zuständigen Wissenschaftler eine Forschungsdatenbank aufgebaut und erste Recherchen an ausländischen Archiven durchgeführt.

Das zweijährige Projekt zur Aufarbeitung der Bestände aus dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika soll als Vorbild auch für die zukünftige Erforschung der Provenienz der übrigen Human Remains dienen, die sich in der Obhut des Museums für Vor- und Frühgeschichte befinden. Dazu müssen die weltweit verstreuten Quellen zu dem Bestand erfasst und ausgewertet werden. Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete werden in dem Projekt zusammenarbeiten, da sowohl ethnologische als auch anthropologische und kolonialgeschichtliche Kenntnisse nötig sind. Ziel ist es auch, ein internationales Netzwerk mit Wissenschaftlern aus den betroffenen Herkunftsländern (Tansania, Burundi, Rwanda) aufzubauen, um eine angemessene Erforschung zu gewährleisten. Die Entscheidung über eine Restitution ist von den Forschungsergebnissen abhängig. 

Da die Primärdokumentation (Inventarbuch, Zettelkatalog, Erwerbungskorrespondenz zur Sammlung) der vom Museum für Vor- und Frühgeschichte betreuten anthropologischen Sammlungen größtenteils nicht mehr existiert, müssen zu deren Erforschung zahlreiche andere Quellen herangezogen werden. Relevant sind zum Beispiel Aufzeichnungen von Sammlern, die sich teils in öffentlichen Archiven, teils auch in Privatbesitz im In- und Ausland befinden. Weil die Sammlungstätigkeit häufig in eine koloniale Infrastruktur eingebettet war, sind auch Akten wirtschaftlicher, militärischer oder kirchlicher Institutionen von Interesse. Ergänzende (nichtinvasive) anthropologische Untersuchungen an den Objekten selbst können ebenfalls wichtige Erkenntnisse zu Herkunft und Erwerbung liefern.

Grundlage der SPK für den Umgang mit menschlichen Überresten sind die Richtlinien des Deutschen Museumsbundes und die eigenen dazu entwickelten Grundpositionen der SPK. Diese besagen, dass vor jeder anderen Forschung die Provenienzforschung steht.

Die Gerda Henkel Stiftung wurde im Juni 1976 als gemeinnützige Stiftung des privaten Rechts errichtet. Ausschließlicher Stiftungszweck ist die Förderung der Wissenschaft, vornehmlich auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft. Sie hat bislang weltweit mehr als 6.600 Forschungsprojekte mit rund 160 Millionen Euro unterstützt. Seit 2015 setzt sich die Stiftung in ihrem Förderschwerpunkt „Patrimonies“ verstärkt für den Erhalt kulturellen Erbes vor allem in Krisenregionen ein.