Hinter den Kulissen: Die Spannung löst sich zur Eröffnung

03.06.2014
Kunstbibliothek

In der großen Ausstellung AVANTGARDE!, die noch bis 12. Oktober in den Sonderausstellungshallen im Kulturforum läuft, stehen die wegweisenden Künstlerbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt. Zwei Ausstellungsbereiche gehen mit unterschiedlichem Schwerpunkt der Frage nach, wer die Avantgarde war und was sie wollte. Doch was muss eigentlich alles geschehen, damit die Besucher eine spannende Ausstellung sehen können? Die Kuratoren Anita Kühnel und Michael Lailach im Gespräch über den Ausstellungsaufbau vom Konzept bis zur großen Eröffnung.

Eine Ausstellung zu machen bedeutet mehr, als ein paar Bilder aufzuhängen - welche Schritte sind vom Konzept bis zur Eröffnung notwendig?

Anita Kühnel: Das fertige Konzept ist schon die Hälfte der Arbeit, weil damit klar ist, wie die Präsentation aussehen wird. Die Details klärt man dann mit den Gestaltern. Sie versuchen das, was man inhaltlich transportieren möchte, in eine Form zu bringen. In diesem Fall hatten wir Bernard Stein und Slawek Michalt als Gestalterteam, die unser Anliegen ganz wunderbar verstanden haben und umsetzen.

Was genau machen die Gestalter?

Anita Kühnel: Sie wählen zum Beispiel die Farbe der Wände oder die Schrifttypen und Schriftgrößen für die Beschriftungen aus; sie überlegen, wie die Objekte zueinander stehen müssen, damit sie sich optimal ergänzen und eine Aussage erkennbar wird; und sie planen die logistischen Abläufe, die bei so einem großen Projekt ganz grundlegend funktionieren müssen. Dazu gehören auch Ausschreibungen für die Dienstleister, die dann handwerkliche Arbeiten wie das Hängen oder die Herstellung von Vitrinen übernehmen.

Michael Lailach: Im unteren Bereich der Ausstellung ist es etwas komplizierter, weil wir dort viele Bücher und kleinformatiges Material wie Einladungskarten und Manifeste zeigen. Die Frage, wie man diese Dinge einem großen Publikum so präsentiert, dass sie nicht in einem Parcours von Vitrinen untergehen, sondern als visuelle Botschaft erfahrbar werden, hat uns lange beschäftigt. Die Gestalter hatten dann eine sehr schöne Idee: wir präsentieren die Exponate in Schaukästen, ähnlich denen,  die im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor Buchläden zum Feilbieten der Ware angebracht waren. Das wird eine sehr luftige und hoffentlich auch visuell beeindruckende Präsentation.

Wie transportiert die Gestaltung einer Ausstellung ihre Aussage?

Michael Lailach: In beiden Bereichen der Ausstellung geht es nicht um das Einzelobjekt, sondern darum, in den Tableaus die ganze Breite der Arbeitsweisen zu zeigen. Es war ja eine umfassende Kunstbewegung, die auch eine rege Stildebatte um Gestaltungsfragen geführt hat. Im unteren Teil der Ausstellung sieht man, dass einzelne Avantgarden, ob Kubismus, Futurismus oder Expressionismus, sich ein einheitliches Gestaltungsbild im Sinne einer Marke überlegt haben. Hier im oberen Teil geht es auch um Marken, allerdings eher um Produktmarken von Beck's Bier bis zur Osram-Lampe. Wie sieht das Bild einer Osram-Lampe werbeträchtig aus? Im unteren Teil geht es darum, wie etwa der Futurismus aussieht, was er will und was er ist.

Haben neben Kuratoren und Gestaltern noch weitere Personen Einfluss auf das Erscheinungsbild einer Ausstellung?

Anita Kühnel: Wir haben von vornherein immer die Restauratoren mit im Boot. Es muss bei jedem Schritt geklärt werden: können wir das überhaupt so machen und den Objekten die Belastungen zumuten? Besonders bei ungerahmten Bildern müssen fachkundige Restauratoren entscheiden, welche Materialien sich chemisch vertragen, welches Papier und welchen Untergrund man verwendet. Das sind alles Dinge, die der Besucher nicht sieht, die aber vorher beachtet werden müssen und die man als Kurator längst nicht immer allein auf dem Schirm hat. Jede Ausstellung ist lehrreich und bringt neue Erfahrungen für das nächste Mal.

Während wir miteinander sprechen, hängen die meisten Bilder bereits - befindet sich der Aufbau zu diesem Zeitpunkt auf der Zielgeraden?

Michael Lailach: Der Aufbau, so wie man ihn sich auch als Besucher vorstellt, dauert nur zwei Wochen und ist eigentlich der kleinste Teil in dem ganzen Prozess. Der Großteil der Arbeit passiert, bevor der Aufbau anfängt. Die intensive Phase dauert in der Regel ein Jahr.

Anita Kühnel: Mit dem Beginn des Aufbaus wird die Arbeit entspannter und es kommt die erste Freude auf, wenn man sieht dass es funktioniert. Man ist erleichtert. Wir haben die Bilder ja während der ganzen Vorbereitung auf Tischen liegen und sehen sie nun zum ersten Mal aus einer neuen Perspektive. Das ist auch eine ganz andere optische Wirkung als etwa in einer Computersimulation.

Michael Lailach: Es gibt aber auch zu diesem Zeitpunkt noch Missverständnisse. Es ist wie bei einer Theateraufführung: bis der Vorhang sich hebt, weiß niemand ob es wirklich klappt. Und da hier viele Firmen zusammenarbeiten und das ganze einen großen organisatorischen Aufwand bedeutet, passiert auch immer etwas. Es werden Dinge vergessen, Bestellungen klappen nicht richtig oder es entsteht Zeitnot. Trotzdem geht es immer irgendwie. Und man ist sehr froh wenn alles steht.

Die große Erleichterung stellt sich also tatsächlich erst beim Eröffnungsabend ein?

Anita Kühnel: Wenn dann noch genug Besucher kommen, ist alles gut.

Und der Abbau?

Anita Kühnel: Der geht schnell. Aber es ist auch das traurigste Kapitel einer Ausstellung. Man überlegt lange und plant und platziert die Objekte und dann ist alles nach zwei Tagen vorbei.

AVANTGARDE!

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