Hinter den Kulissen: Der Herr der Fliegen - Interview mit Bill Landsberger vom Rathgen-Forschungslabor

30.12.2014
Rathgen-Forschungslabor

Bill Landsberger ist so etwas wie der Kammerjäger der Staatlichen Museen zu Berlin. Sein Job umfasst aber viel mehr, denn der Entomologe arbeitet im Rathgen-Forschungslabor an einem zukunftsweisenden Programm zur Abwehr von Sammlungsschädlingen. Im Interview erzählt er, wie das gelingt und warum der Mensch oft ungeahnt zum Komplizen der Insekten wird.

Herr Landsberger, worin genau besteht Ihre Arbeit?

Als Entomologe baue ich im Rathgen-Forschungslabor ein Programm zur Prävention von Schädlingsbefall für alle Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf, das so genannte Integrated Pest Management oder IPM. Es umfasst die Prävention, ein flächendeckendes systematisches Monitoring, die Identifizierung und schließlich auch die Bekämpfung von Schädlingen bei einem Befall.

Was sind die gängigsten Schädlinge in Museen?

Viele von ihnen kennt man von Zuhause. Die üblichen Verdächtigen sind Kleider- und Pelzmotte, gemeine Nagekäfer wie der Holzwurm, Teppichkäfer, Pelzkäfer und Brotkäfer. Auch Silber- und Papierfischchen sind Sammlungsschädlinge, denn sie verwerten die Cellulose im Papier und können daher Archiven und Bibliotheken gefährlich werden. Neben den Insekten können außerdem Säugetiere wie Mäuse und Ratten in musealen Sammlungen Schaden anrichten.

Mit welchen Schäden muss man bei einem Befall rechnen?

Das hängt stark von der Schädlingsart ab. Oft ist es natürlich Materialverlust, wenn die Tiere Holz, Papier oder Textilfasern fressen. Es gab aber in meiner Zeit auch einen Fall, wo sich Mäuse Nester aus Objektbeschilderungen gebaut haben. Schlimmstenfalls können Mitarbeiter dann nicht mehr zuordnen, welches Schild zu welchem Objekt gehört, und es gehen unwiederbringliche objektbezogene Informationen verloren. Schädlingsbefall bedeutet also nicht immer den Totalverlust des Objekts, in jedem Fall aber entstehen Arbeit und Restaurierungskosten. Das sind die Kosten, mit denen man die Ausgaben für ein Integrated Pest Management gegenrechnen muss.

Kommt es denn häufig zu Schädlingsbefall in Museen?

Das kann gelegentlich vorkommen - und es lässt sich auch kaum vermeiden. Ein Beispiel: Im Jahr 1983 hat das Ethnologische Museum ein Holzboot aus der Südsee erworben. Es kam quasi direkt vom Ozean ins Depot. Damals bemerkte man nicht, dass es blinde Passagiere an Bord hatte: eine Kolonie von Trockenholztermiten. Auf die wurden wir dann 2011 aufmerksam

was ist passiert?

Die Termiten verteilten sich im Depot und haben weitere Holzobjekte besiedelt: Zum Beispiel eine venezianische Gondel, die unglücklicherweise in der Nähe stand. Da ist also der Ernstfall eingetreten, den wir mit unserer Vorsorge vermeiden wollen. Darin liegt auch die Ambivalenz meiner Arbeit: Wenn alles gut läuft, dann gibt es keine Probleme und meine Tätigkeit wird nicht wahrgenommen. Läuft etwas schief, kann das gleich mit einem Problem verbunden sein.

Wie gehen Sie vor, wenn ein Schädlingsbefall festgestellt wird?

Ich muss zunächst herausfinden, um welche Schädlingsart es sich handelt. Dazu habe ich im Labor eine Referenzsammlung mit lebenden Tieren, Präparaten und Fraßspuren, die ich zum Vergleich heranziehen kann. Wenn die Übeltäter identifiziert sind, kann ich entscheiden, welche Behandlungsart die beste ist. Wir setzen grundsätzlich keine chemischen Bekämpfungsmittel ein, denn dazu gibt es immer Alternativen. Routinemäßig vertrauen wir auf zwei Behandlungsmethoden: Sauerstoffentzug mit Stickstoff und Gefrierbehandlung bei -30°C. Letztlich entscheiden die Restauratoren, welches Objekt welche Behandlung verträgt.

Wie funktioniert das Monitoring in den Sammlungen?

Wir stellen in den Depotbereichen neutrale Klebefallen auf. Die Insekten laufen in die Fallen und bleiben dort hängen. Darüber hinaus gibt es Fallen mit Sexuallockstoffen, etwa für Kleidermotten, und UV-Lichtfallen. Mit Hilfe all dieser Fallen können wir jederzeit sehen, welche Organismen sich in den Depots der Sammlungen bewegen und ob potenzielle Schädlinge darunter sind. Es ist also ein Frühwarnsystem.

Das klingt, als ob tatsächlich überall Schädlinge lauern würden.

Richtig. Wir leben ja nicht in einer sterilen Welt, Insekten und andere Schadenerreger sind überall in der Natur. Das IPM sieht daher vor, zunächst Schwachstellen der Gebäudehülle wie Fenster und Türen besser abzudichten, um Schädlingen gar keinen Zutritt zu ermöglichen. Das Archäologische Zentrum etwa hat für seine Depots große, massive Türen. Die halten zwar einen Elefanten ab, haben aber unten fast einen Zentimeter Abstand zum Boden - für Insekten stellen sie kein Hindernis dar. Mit einer einfachen Bürstenleiste konnten wir das Problem minimieren. Aber das Beispiel zeigt, dass Architekten und Planern die Problematik oft noch nicht bewusst ist.

Gibt es noch andere Wege, wie die Insekten ins Museum kommen?

Durch wachsenden Leihverkehr erhöht sich die Gefahr, dass man sich einen Schädlingsbefall einfängt. Deshalb ist auch ein wesentlicher Bestandteil des IPM die routinemäßige Behandlung neuer Objekte, ob Leihgaben oder Erwerbungen. Ein wichtiger Faktor ist aber auch der Mensch.

Die Besucher und Mitarbeiter schleppen Schädlinge ein?

Die Insekten kommen von selbst, aber die Menschen sorgen mit Hinterlassenschaften wie Kekskrümeln oder Wollfasern dafür, dass Schädlinge eine Nahrungsgrundlage finden. Etwa bei der Sonderausstellung "Gesichter der Renaissance" im Bode-Museum: Die war ein echter Publikumsmagnet, es kamen so viele Menschen, dass ein Sonderbereich für Garderobe nötig war. Unglücklicherweise hingen die Mäntel nun direkt über Belüftungsschächten und das textile Material rieselte kontinuierlich in Bereiche, die selten geputzt wurden, weil es nicht erforderlich war. Dort gab es dann ungeheure Ansammlungen von Flusen und Textilfasern und massiven Kleidermottenbefall. Diesen haben wir durch unser Monitoring sofort erkannt und mit einer grundlegenden Reinigung schnell in den Griff bekommen.

Trotz Ihres Programms kommt es in Museen immer mal wieder zu einem Schädlingsbefall. Tobt hinter den Wänden deutscher Museen permanent ein den Besuchern verborgener Kampf?

In manchen Museen und Sammlungen wird nach wie vor rein anlassbezogen gehandelt - gibt es ein Problem, wird ein Kammerjäger gerufen, der Pestizide einsetzt und dann wieder geht. Das ist für den Moment eine Lösung, ist aber nicht nachhaltig. Es sollte darauf hingearbeitet werden, dass gar kein massiver Befall mehr vorkommt, aber dafür müssen wir noch viel Arbeit in unser Programm stecken. Es wird aber nie völlig auszuschließen sein, dass Schädlinge ins Museum gelangen.

Letzte Frage: Was ist ihr "Lieblings-Schädling"?

Ich habe lange mit Termiten gearbeitet. Diese Gruppe fasziniert mich vor allem wegen ihrer sehr stark ausgeprägten Sozialstrukturen, die völlig untypisch für Insekten sind. Sie sind insofern schon meine speziellen Freunde.