Hinter den Kulissen: Alltag mit den Anderen - Die Kuratorinnen Friederike Seyfried, Cäcilia Fluck und Gisela Helmecke im Gespräch

13.04.2015
Bode-Museum

In der Ausstellung "Ein Gott - Abrahams Erben am Nil" beleuchten drei Museen das historische Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen in Ägypten: das Ägyptische Museum und Papyrussammlung, die Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst und das Museum für Islamische Kunst. Die Kuratorinnen Friederike Seyfried, Cäcilia Fluck und Gisela Helmecke im Gespräch über Gott und die Welt. 

Worum geht es in der Ausstellung "Ein Gott. Abrahams Erben am Nil"?

Friederike Seyfried: Wir wollen aufzeigen, wie sich das gemeinschaftliche Leben in Judentum, Christentum und Islam von der Zeit der Römer bis ins Mittelalter in Ägypten entwickelt hat. Anhand ausgesuchter Themenbereiche möchten wir einiges aus der Geschichte dieser drei Offenbarungsreligionen nachzeichnen. Zentral ist für alle drei, dass die Grundsätze ihres jeweiligen Glaubens in ihren heiligen Büchern niedergelegt sind.

Wie kam es zu dem speziellen Fokus auf Ägypten?

Cäcilia Fluck: Das hat mit der Genese dieser Ausstellung zu tun. Es begann mit einer Anfrage aus Ägypten im Jahr 2010. Das Koptische Museum in Kairo zeigte anlässlich seines 100-jährigen Bestehens eine Ausstellung zu christlich-ägyptischer Kunst. Das war eine fantastische Sonderausstellung und die ägyptischen Kollegen schlugen vor, sie auch in Berlin zu präsentieren. Diese Idee ließ sich aber hier nicht identisch umsetzen. Stattdessen haben wir das Konzept um Islam und Judentum erweitert, denn Ägypten hat einen der längsten gemeinsamen Geschichtsstränge für alle drei Offenbarungsreligionen. 

Welches sind die ältesten Anknüpfungspunkte für Ihre Ausstellung?

Friederike Seyfried: Es gab bereits im 5. Jahrhundert vor Christus eine jüdische Siedlung auf der Nilinsel Elephantine. Diese ist archäologisch und historisch gut belegt. Außerdem besitzt das Ägyptische Museum und Papyrussammlung einen ganz besonderen Fundus an aramäischen Texten, die von dort stammen. Die jüdischen Wurzeln lassen sich am weitesten zurückverfolgen, dann folgte in der Kaiserzeit bereits die allmähliche Christianisierung Ägyptens und schließlich, nach der arabischen Eroberung, der Islam. 

Wie sehen Sie die Aktualität, die die Ausstellung durch die politische Lage in vielen Teilen der Welt gerade gewinnt?

Gisela Helmecke: Diese Entwicklung konnten wir bei Beginn der Planung nicht erahnen. Unsere ersten konkreten Überlegungen begannen im Jahr 2011 - dann kamen der Arabische Frühling und die erste Revolution in Ägypten und die Situation veränderte sich rapide. Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf unsere Arbeit, so mussten wir zum Beispiel auf Leihgaben aus Ägypten verzichten. Dennoch haben die dortigen Kollegen das Projekt von Anfang an positiv begleitet. Es gibt Überlegungen in Kairo, dort oder in Alexandria eine Parallelausstellung zu machen. Dafür könnten die ägyptischen Kollegen, die genügend eigene Objekte zur Verfügung haben, auf unsere Vorarbeiten zurückgreifen. Leihgaben aus Ägypten sind aber in Zukunft nicht ausgeschlossen. Im Bode-Museum soll es eine Folgepräsentation in modifizierter Form geben, die wieder in Zusammenarbeit mit den drei beteiligten Museen entstehen soll.

Wie werden die Verflechtungen und die gemeinsame Geschichte in der Ausstellung dargestellt?

Cäcilia Fluck: Das Thema lässt sich nicht leicht darstellen und wir mussten genau überlegen, welches Wissen wir voraussetzen können. Es ist keine Ausstellung der "Meisterwerke" - obschon einige Preziosen dabei sind -, sondern es geht in erster Linie um komplexe Inhalte. Wir gehen von der antiken Riesenmetropole Alexandria aus, einem kosmopolitischen Melting Pot, und beginnen dann den Haupt-Rundgang, indem wir Abraham vorstellen, den Urvater der drei monotheistischen Religionen. Wir wollen die Besucher mit Fragen abholen, die dann durch die Texte und Objekte beantwortet werden. Es wird aber keine reine Religionsausstellung sein. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Alltagsleben der Ägypter, dort spielte die Religion nicht die Hauptrolle. Kleidung, Alltagsobjekte, Geburt und Tod sind einige unserer Themen.

Werden auch Konflikte thematisiert?

Gisela Helmecke: Es gab natürlich Konflikte, damals wie heute. Es wird dazu eine Schauwand geben, auf der wir anhand von Textmaterial zeigen, dass alle Glaubensgemeinschaften irgendwann in ihrer Geschichte untereinander im Streit lagen. Wir wollen aber auch vermitteln, dass es stets Druck von außen gab: Sowohl den jüdischen als auch den frühchristlichen Gemeinden ging es in der römischen Kaiserzeit schlecht. Die jüdische Gemeinde von Alexandria ist im 1. Jahrhundert fast vollkommen verschwunden und hat sich erst im späten 3. Jahrhundert wieder stabilisiert, als das Christentum sich langsam zur Staatsreligion entwickelte. Im 10. bis 12. Jahrhundert, unter den Fatimiden, erlebte die jüdische Gemeinde erstmals seit der Antike sogar wieder eine Blütezeit.

Wird es in der Ausstellung auch aktuelle Beispiele geben?

Friederike Seyfried: Diesen Aspekt beleuchten Filme, die wir im Jahr 2014 für die Ausstellung produzieren ließen. Die Dokumentationen bilden eine Brücke in die Gegenwart und zeigen, wie lebendig das Thema ist. Hier geht es tatsächlich um gelebte Religion in unserer Zeit.

Was zeigen die Filme?

Gisela Helmecke: Es gibt einen Film über eine Synagoge in Kairo, ein Imam erklärt die Kairoer Moschee, ein Abt führt durch das Makarios-Kloster im Wadi Natrun und wir erfahren etwas über eine koptische Kirche und ein muslimisches Fest in Luxor. Die Filme vermitteln vor allem, dass viele Traditionen fortbestehen und sie zeigen auch verblüffende Parallelen in den drei Glaubensgemeinschaften. Das war für uns ein spannender Vermittlungsansatz.

Was können die Besucher aus der Ausstellung mitnehmen?

Cäcilia Fluck: Die Besucher werden zunächst in die drei großen Weltreligionen eingeführt, mit gemeinsamen Helden wie Josef oder dem Erzengel Gabriel und mit ihren Sakralbauten Synagoge, Kirche und Moschee. Es geht aber auch ganz speziell um den Alltag in den drei Glaubensgemeinschaften, von der Wiege bis zum Tod. Das ist sehr interessant, denn gerade hier spürt man, dass die Menschen sich kaum unterschieden haben; im Alltag hatten alle im Grunde dieselben Probleme und dieselben Freuden. Das ist gerade heute etwas Wissenswertes und wenn wir dadurch die Leute zum Nachdenken anregen, dann haben wir schon etwas erreicht.

Wie war es, die drei Sammlungen zusammenbringen?

Friederike Seyfried: Das ging ganz einfach. Nicht nur weil unsere drei Sammlungen chronologisch aufeinander aufbauen, sondern auch weil sie alle auf der Museumsinsel beheimatet sind. Im Laufe der Zusammenarbeit hat sich ein toller Zusammenhalt entwickelt.

Werden Sie in Zukunft öfter zusammenarbeiten?

Alle drei: Ja! Die Häuser auf der Museumsinsel sind inhaltlich ohnehin sehr verzahnt und "EIN GOTT" ist nun die aktuelle Frucht der Zusammenarbeit - für uns war es eine große Freude und wir hoffen, dass unsere Ausstellung auch den Besuchern gefällt.