Die Rückkehr des Hunnen. Erich Hösels "Hunne zu Pferde" im Kolonnadenhof

16.12.2015
Kolonnadenhof

Mit dem „Hunnen zu Pferde“ von Erich Hösel gelangte am 11.Dezember 2015 eine der ungewöhnlichsten Reiterstandbilder des späten 19. Jahrhunderts zur Aufstellung im Kolonnadenhof der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel. Die 1895 entworfene Bronzeplastik befand sich seit über 80 Jahren als Leihgabe in Hamburg-Wandsbek und kehrt jetzt nach umfassender Restaurierung an jenen Ort zurück, an welchem sie bis 1929 gestanden hat. Das lebensgroße Standbild zeigt einen berittenen Krieger, mit Schild und Bogen bewaffnet, der sich vom Pferd beugt, um auf einen Totenschädel hinabzuschauen. Während das Pferd mit starren Vorderläufen vor dem gruseligen Anblick scheut, scheint ein Lächeln der Befriedigung im Gesicht des Hunnen zu liegen, der mit leicht geschlitzten Augen, breiten Nasenflügeln, vollen Lippen und geflochtenen Zöpfchen als fremdartig gekennzeichnet ist.

Ethnographische Elemente spielen in Erich Hösels späterem Schaffen eine wichtige Rolle, so schuf er auf ausgedehnten Reisen in anderen Kontinenten mehrere Studienköpfe. Hösels „Hunne zu Pferde“ ist zugleich dem Symbolismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts verpflichtet, der sich dem Unheilvollen, Schaurigen und Düsteren ebenso fasziniert zuwandte wie dem Unbekannten, Fremden und Exotischen. Ist das Reiterstandbild seit der Antike die höchste Form der Würdigung des Helden, so steht Hösel mit der Wahl eines Hunnen in größtmöglichem Kontrast zu dieser tradierten Verehrungsgeste: Das im fünften nachchristlichen Jahrhundert untergegangene Reitervolk aus Zentralasien galt damals als Inbegriff des Unerbittlichen, Ungestümen und Unaufhaltsamen und sollte dergestalt auch Einzug in die politische Rhetorik des 20. Jahrhunderts finden – von Kaiser Wilhelms II. berüchtigter „Hunnenrede“ über die englische Kriegspropaganda bis hin zur Bezeichnung der deutschen Fußballnationalmannschaft als „Hunnen“ in der dortigen Boulevardpresse.

Im Kolonnadenhof der Alten Nationalgalerie nun tritt Hösels eindrückliches Werk in einen spannungsreichen Dialog mit dem Reiterstandbild Friedrich Wilhelms IV. von Preußen (der die Revolution von 1848 verhinderte) ebenso wie mit dem jüngst dort aufgestellten Reiterstandbild „The Monument“ von Atelier van Lieshout, das die sozialpolitische Vergangenheit des deutschen Reiches in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg (auch mit Blick in die Zukunft) reflektiert.

Der Bildhauer Erich Hösel (1869-1953) studierte an der Dresdener Akademie, wo er 1887 zum ersten Mal ausstellte. Der „Hunne zu Pferde“, den die Nationalgalerie 1897 vom Künstler erwarb, gehört zu seinen frühesten und zugleich populärsten Schöpfungen, wovon Kleinfassungen in Bronze und Porzellan ebenso zeugen wie Postkarten. 1903 wurde Hösel Leiter der Gestaltungsabteilung der Meißner Porzellanmanufaktur.