Die Skulpturen des Kolonnadenhofes

Auf dem Treppenaufgang der Alten Nationalgalerie sowie zwischen den Buchsbaumhecken sind Bronzeplastiken aufgestellt, die auf die reichen Bestände der Sammlung der Nationalgalererie verweisen.

Alexander Calandrelli (1834–1903)

Reiterstandbild Friedrich Wilhelms IV. von Preußen, 1875-1886
Bronze

Der Bildhauer Alexander Calandrelli (1834–1903) schuf dieses monumentaleBronzedenkmal nach Entwürfen von Gustav Blaeser zwischen 1875 und 1886. FriedrichWilhelm IV. wird darin durch die allegorischen Sockelfiguren – Religion, Kunst, Geschichteund Philosophie – als Förderer der Künste geehrt. Auch die Idee der Museumsinsel gingauf ihn zurück. Das Denkmal setzt die Reihe der Reiterstandbilder der Hohenzollern-Herrscher im Berliner Zentrum fort, von Andreas Schlüters Denkmal für den GroßenKurfürsten (ehem. auf der Langen Brücke, heute vor dem Schloss Charlottenburg) undChristian Daniel Rauchs Reiterstandbild Friedrichs des Großen (Unter den Linden) bis hinzu den zerstörten Standbildern von Rudolf Maison für Friedrich III. (ehem. vor dem Bode-Museum) und Albert Wolff für Friedrich Wilhelm III. (ehem. vor dem Alten Museum).
 

Reinhold Felderhoff (1865 – 1919)

Diana, 1898
Bronze (Guss 1910)

Das Motiv der Jagdgöttin Diana, die sich mit einem Band den Köcher anlegt und mithochgebundenen Sandalen bekleidet ist, war erstmals 1898 als Statuette auf der „Großen Berliner Kunstausstellung“ ausgestellt. Die 1,74 Meter hohe Plastik im Kolonnadenhofwurde 1910 in der Gießerei Noack in Berlin in Bronze gegossen. Das Werk verbindetEinflüsse der Begas-Schule, die beispielsweise an der weichen Modellierung des Haarserkennbar sind, mit sezessionistischen Tendenzen der Ausdrucksplastik.


Louis Tuaillon (1862–1919)

Amazon on Horseback, ca. 1890/95
Bronze (cast 1895)  

Als Vertreterin eines mythischen Volkes von kämpferischen Frauen ist die Amazonevon Tuaillon – nicht wie bei August Kiss am Alten Museum – als gefährliche Kriegerindargestellt, sondern als Inbegriff von Selbstbeherrschung, Strenge und Konzentration.Die „Amazone“ gilt daher als eines der Hauptwerke des Begas-Schülers Tuaillons, jader deutschen Bildhauerkunst um 1900 überhaupt. Sie wurde bereits 1896 durch dieNationalgalerie erworben und 1897 im Freiraum zwischen Nationalgalerie und NeuemMuseum zentral aufgestellt. In ihrer formalen Klarheit und selbstbeherrschten Strengelöst sie sich von der Formensprache des opulenten Neobarock.


Constantin Meunier (1831–1905)

Der Sämann, 1896
Bronze (Guss wohl 1. Drittel 20. Jh.)

Constantin Meunier preist in seinem Schaffen den Wert (und die Last) der einfachenArbeit. Erst 1886 gelang dem Künstler aus Belgien der Durchbruch als Bildhauer im PariserSalon. Sein Interesse für Arbeiterdarstellungen klingt auch in der Gestalt des Sämanns an,der in abgewandelter Form auch für Meuniers großangelegtes Projekt eines „Denkmalsder Arbeit“ gedacht war. Der „Sämann“ knüpft darüber hinaus an die traditionelleJahreszeiten-Thematik an, steht für das Frühjahr und damit für den Erneuerungszyklus derNatur. Mit ausholend-aussäender Geste, die man wenig früher auch im OEuvre Vincentvan Goghs findet, wirft er sein Korn in den Acker.

 

 

August Gaul (1869 – 1921)

Löwe, 1904
Bronze

August Gaul gehört zu den ersten modernen Bildhauern Berlins, der in seiner Bedeutung schon von den Zeitgenossen erkannt wurde. Seit der ersten Ausstellung beim Deutschen Künstlerbund in München 1904 ist dieser lebensgroße Löwe dank seiner erhabenen Ruhe und würdevollen Wachheit ein mustergültiges Beispiel der Kunstauffassung August Gauls und der gesamten sezessionistischen Plastik. Gaul, der Tiere im Zoologischen Garten studierte, war daran interessiert, Wesen und Naturell der einzelnen Tiergattungen zu erfassen. Alles Literarische, Anekdotische und Genrehafte blieb ebenso ausgeklammert wie die herkömmliche ikonographische Bedeutung dieser Spezies als Wappentier oder als Herrschaftsmotiv. Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird dagegen ganz auf die formalen Qualitäten gelenkt, auf die klare Silhouette und auf die geschlossene Gesamtform.

Max Klein (1847–1908)

Herkules mit dem nemeischen Löwen, 1878
Bronze (Guss wohl 1879)

Die komplizierte Komposition zeigt Herkules, Halbgott und Held der griechischen Mythologie, der mit bloßen Händen einen als unbesiegbar geltenden Löwen erwürgt. Dabei sind der athletische Männerakt und der den Rachen aufreißende Löwen solcherart ineinander verschlungen, dass sich die Gruppe nur im Umschreiten erschließt. Das kompositorische Chaos dient dazu, einen filmisch-dynamischen Effekt zu erzeugen, der ganz mit der neobarocken Kunstauffassung konform ging, die Max Klein bei seinem Lehrer Reinhold Begas gelernt hatte.
 

Adolf Brütt (1855–1939)

Adolf Brütt (1855–1939)
Der Fischer („Gerettet“), 1887 Bronze

Die von Brütt modellierte, 1887 erstmals ausgestellte und sogleich prämierte Gruppe eines kraftstrotzenden, bärtigen Fischers in Ölzeug, der ein vom Ertrinken gerettetes Mädchen in seinen Armen hält, machte den erst 22 Jahre alten Künstler rasch berühmt. Der narrative Ton der Szene, die Brütt der Tradition zufolge mit eigenen Augen beobachtet haben soll, machte das Werk mit dem Alltagshelden populär. Der von Gladenbeck im Wachsausschmelzverfahren hergestellte Bronzeguß wurde für die Nationalgalerie in Auftrag gegeben. 

Ferdinand Lepcke (1866 – 1909)

Ferdinand Lepcke (1866 – 1909)
Bogenspannerin, 1905/1906 Bronze

Säulenhaft erhebt sich über einer kleinen runden Plinthe ein streng gezeichneter, in klarer Rechtwinkligkeit ausgerichteter weiblicher Akt mit gespanntem Bogen. Der Titel dieses Werkes variiert: In einem Zeitungsausschnitt unbekannter Herkunft heißt es „Amazone“, während in jüngerer Literatur auch von „Diana“ gesprochen wird. Der ursprüngliche, gar nicht literarisch ambitionierte Titel läßt mit seiner deskriptiven Indifferenz hingegen bewußt allen Assoziationen freien Raum. Die Konzentration auf eine Hauptansicht, die streng ausgerichtete Komposition und die starke formale Beschränkung verraten den Einfluß der Kunsttheorie Adolf von Hildebrands, deren Rezeption um 1900 einen Höhepunkt erreicht hatte.
 

Reinhold Begas (1831 – 1911)

Centaur und Nymphe,
1881-1886 Bronze

Die junge Frau versucht, auf dem breiten Rücken des Centauren aufzusitzen. Hilfreich ist er in die Hocke gegangen und greift mit seiner linken Hand nach hinten, um sie beim Aufsteigen zu unterstützen. Der Kontrast zwischen dem etwas derben, legendären Fabel- und Zwitterwesen, das gleichzeitig die ungebändigten Naturkräfte verkörpert, und der Frauenfigur, die mit Gewandung und Frisur die Kultur versinnbildlicht, betont den Gegensatz zwischen den Geschlechtern und ihren Rollen. Hierin steht Begas ganz in der Tradition des Barock. Gleichzeitig kann die Komposition als ein bewusst ausformulierter, geradezu humorvoll vorgetragener Gegensatz zwischen Antike und Neuzeit gedeutet werden, denn dem archaisch-vorzeitlichen Centauren steht eine im Körperideal, im Gestus und in der Frisur ganz der Gründerzeit angehörende Frau gegenüber. 

Atelier Van Lieshout:

The Monument

Diese Bronzearbeit mit ihrem klaren Bezug zum klassischen Reiterdenkmal, und somit der politisch-militärischen, repräsentativen Funktion eines solchen nationalen Monuments, wird im Kolonnadenhof auf kritisch-reflexiver Ebene mit dem Reiterstandbild Friedrich Wilhelms IV von Preußen (Alexander Calandrelli, 1875–1886) vor der Alten Nationalgalerie in Beziehung gesetzt. Die Arbeit des Atelier Van Lieshout formuliert einen eindeutigen Kommentar auf die sozial-politische Vergangenheit des deutschen Reiches in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Die figürliche und bildnerische Sprache der Arbeit ist jedoch auch als eine warnende Geste in Richtung Gegenwart und Zukunft zu lesen. Die Skulptur ist seit September 2015 für die nächsten zwei Jahre zu sehen.

Erich Hösel:

„Hunne zu Pferde“

Das lebensgroße Standbild zeigt einen berittenen Krieger, mit Schild und Bogen bewaffnet, der sich vom Pferd beugt, um auf einen Totenschädel hinabzuschauen. Während das Pferd mit starren Vorderläufen vor dem gruseligen Anblick scheut, scheint ein Lächeln der Befriedigung im Gesicht des Hunnen zu liegen, der mit leicht geschlitzten Augen, breiten Nasenflügeln, vollen Lippen und geflochtenen Zöpfchen als fremdartig gekennzeichnet ist. Ethnographische Elemente spielen in Erich Hösels späterem Schaffen eine wichtige Rolle, so schuf er auf ausgedehnten Reisen in anderen Kontinenten mehrere Studienköpfe. Hösels „Hunne zu Pferde“ ist zugleich dem Symbolismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts verpflichtet, der sich dem Unheilvollen, Schaurigen und Düsteren ebenso fasziniert zuwandte wie dem Unbekannten, Fremden und Exotischen. Der Bildhauer Erich Hösel (1869-1953) studierte an der Dresdener Akademie, wo er 1887 zum ersten Mal ausstellte. Der „Hunne zu Pferde“, den die Nationalgalerie 1897 vom Künstler erwarb, gehört zu seinen frühesten und zugleich populärsten Schöpfungen, wovon Kleinfassungen in Bronze und Porzellan ebenso zeugen wie Postkarten. 1903 wurde Hösel Leiter der Gestaltungsabteilung der Meißner Porzellanmanufaktur.