Interview mit Christina Haak: „Das Digitale ist stets eine Erweiterung der analogen Welt“

01.06.2017
Generaldirektion

Im Rahmen von museum4punkt0 wollen die Staatlichen Museen zu Berlin ein digitales und individualisiertes Besucherangebot zur Orientierung, Kontextualisierung und Interaktion entwickeln. Ein Interview mit Christina Haak, stellvertretende Generaldirektorin, über digitalisierte Museumsobjekte und die Herausforderungen des Projekts.

Welche Erwartungen haben Sie an museum4punkt0? 

Alle Beteiligten haben große Erwartungen an das Projekt. Ich selbst natürlich auch. Dennoch müssen wir genau hinschauen: Es handelt sich um ein Pilotprojekt, also um den Versuch, etwas Neues zu schaffen. Ziel ist es, den Herausforderungen und Chancen, die mit dem digitalen Wandel einhergehen, gerecht zu werden. Da ist es auch erlaubt, Dinge auszuprobieren. Bei den Staatlichen Museen zu Berlin gibt es im digitalen Bereich bereits gute Grundlagen. Es wird aber für uns, wie auch für die anderen Projektteilnehmer ein großer Gewinn sein, sich innerhalb des Verbundes regelmäßig auszutauschen. So können wir von den Erfahrungen, die in anderen Projekten gemacht werden – den positiven und den weniger erfolgreichen – profitieren. Ich bin davon überzeugt, dass wir am Ende des Projekts einen Baukasten mit unterschiedlichen Werkzeugen für ein Museum 4.0. haben, aus dem sich auch Museen, die jetzt nicht direkt am Projekt beteiligt sind, bedienen können. 

Aus Ihrem heutigen Blickwinkel: Wie profitieren Museen und deren Besucher von digitalen Medien und der Digitalisierung?

Das Digitale ist ja stets eine Erweiterung der analogen Welt. Im musealen Bereich ist es beispielweise ein Anliegen, Objekte und Inhalte weltweit verfügbar zu machen, damit sie – egal aus welchem Interesse – möglichst überall und von Allen genutzt werden können: von Wissenschaftlern oder Privatpersonen, von solchen, die die Objekte kennen oder denjenigen, für die eine Reise zum Original völlig unrealistisch erscheint. Aber der Zugang zu Museen ist ein Thema. So gilt es gerade bei Kunstmuseen immer noch, dass die Barriere, sie zu besuchen, von vielen potentiellen Besucherinnen und Besuchern als vergleichsweise hoch empfunden wird. Digitale Medien können Objekte noch einmal ganz anders sprechen lassen und im Idealfall auch ein neues und nicht von Vornherein kunstaffines Publikum erreichen. 

Und was bedeutet Digitalisierung für Ihre wissenschaftliche Arbeit?

Neben der weltweiten Zugänglichkeit und Wissensvernetzung besteht eine der großen Chancen sicherlich darin, dass die aus digitalisierten Objekten gewonnenen Erkenntnisse dabei helfen können, die Artefakte selbst zu verstehen: Wie wurden sie hergestellt? Wie gehen wir mit Fehlstellen um und wie können Objekte ggf. rekonstruiert werden? Hier ist natürlich besonders die 3D-Digitalisierung von großem Nutzen. Aber auch dass wir unsere Datenbanken mit unserer Forschungsarbeit stetig erweitern, indem wir die gewonnen Daten einspeisen und verfügbar machen, ist von großem Wert: Je mehr wir über unsere Objekte wissen, desto besser können wir ihre Geschichten erzählen und durch die digitale Vernetzung auch der gesamten Welt weltweit verfügbar machen.

Da die Mittel nun bewilligt sind: Womit werden Sie beginnen?

Projekte dieser Größenordnung erfordern natürlich zusätzliche personelle Ressourcen. Das heißt, im Moment bauen wir erst einmal ein Projektteam auf. Wir werden auch eine Nutzer- und Rezeptionsanalyse durchführen, um noch besser herauszufinden, welche Angebote unsere Besucherinnen und Besucher aktuell bereits nutzen und was sie von ihrem digital erweiterten Museumsbesuch erwarten. Diese Evaluierung wird zur Schärfung unseres Projektes maßgeblich beitragen.

Und welches Projekt planen Sie konkret?

Unser Ziel ist es, unseren Besucherinnen und Besuchern digitale Angebote zu machen, die Orientierung in unseren Museen bieten, Kontexte liefern und Möglichkeiten zur persönlichen Interaktion eröffnen – angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse und als optionales Zusatzangebot zur physischen Begegnung mit den Originalen. Auch hier können wir auf bereits geleistete Vorarbeit aufbauen. So arbeiten wir bereits seit dem letzten Jahr mit Unterstützung des Kuratoriums Preußischer Kulturbesitz an einer App zur kommenden Ausstellung „Kunst aus Afrika im Bode-Museum“. Die im Rahmen dieses Projektes gewonnenen Erkenntnisse wollen wir natürlich nutzen und im Abgleich mit den Ergebnissen unserer Nutzerforschung auch auf andere Sammlungen ausweiten. 

Die Fragen stellten Katharina Fendius und Julia Lerche von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.