Michael Eissenhauer im Interview: "Die Welt als Ganzes begreifen"

22.11.2017
Museumsinsel Berlin

Am 25. November 2017 heißt es „Eintritt frei“ auf der Museumsinsel und am Kulturforum beim Aktionstag „Auf dem Weg zum Humboldt Forum“. Wir sprachen mit Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen, über das zukünftige Zusammentreffen der Kulturen im Humboldt Forum, das am 25. November zu bestaunen ist.

Herr Eissenhauer, der Aktionstag am 25. November steht unter dem Motto „Auf dem Weg zum Humboldt Forum“. Ist der Weg für die Staatlichen Museen auch ein bisschen das Ziel?
Unser Ziel bleibt natürlich zunächst einmal bestehen: Die umfassende Präsentation der Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im Herzen Berlins. Diese neue räumliche Konstellation wird völlig neue Möglichkeiten und Herangehensweisen eröffnen, und darauf freuen wir uns sehr. Zugleich wollen wir zeigen, dass wir mit dem, was wir im zukünftigen Humboldt Forum machen wollen, ja nicht erst 2019 anfangen, sondern dass wir das auch jetzt schon praktizieren. Interdisziplinäre Ausstellungen über Sammlungsgrenzen hinweg ist für ein Universalmuseum wie die Staatlichen Museen zu Berlin ohnehin eine Selbstverständlichkeit, in der jüngeren Vergangenheit zum Beispiel „Alchemie“ am Kulturforum oder „Bart“ im Neuen Museum. Die umzugsbedingte Schließung der außereuropäischen Museen in Dahlem bietet uns nun die Möglichkeit, das hinsichtlich dieser beiden Sammlungen noch auszubauen und den Weg zum Humboldt Forum verstärkt auch als ein Experimentierfeld zu betrachten.

Ein inspirierendes Element für das Humboldt Forum ist ja die Königliche Kunstkammer, die in Berlin bereits auf das 16. Jahrhundert zurückgeht und die den Kern der späteren Sammlungen der Staatlichen Museen bildet. Können Sie die Analogie kurz erläutern?
Schon damals wurde nicht zwischen Hoch- und Alltagskultur unterschieden. Es wurde all das Spannende, Schöne und Reizvolle in der Welt zusammengeführt. Man wollte damals die Welt als Ganzes begreifen. Und diesen Gedanken wollen wir auch im Humboldt Forum wieder aufgreifen. Dort sollen die Kulturen der Welt in die Nähe der alten Kulturen Europas gebracht werden. Die Ausstellung „Kunst aus Afrika im Bode-Museum“ gibt darauf einen Vorgeschmack, ebenso wie die anderen Präsentationen wie „Neue Nachbarn“ oder „Vis à vis. Asien trifft Europa“ die die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst auf der Museumsinsel und am Kulturforum sichtbar machen.

Was passiert denn bei diesem Treffen der Kulturen? Was sieht man beispielsweise in der Ausstellung „Kunst aus Afrika im Bode-Museum“?
Die Suche nach Schönheit, Repräsentation oder Funktion hat in ganz unterschiedlichen Kulturen zu vergleichbaren Lösungen geführt. Es gibt in der Ausstellung unter anderem eine Gegenüberstellung von Schutzfiguren – eine Schutzmantelmadonna aus dem späten 15. Jahrhundert trifft beispielsweise auf eine sogenannte Kraftfigur aus dem Kongo des 19. Jahrhunderts. Beide weisen kaum formale Ähnlichkeiten auf. Aber den Grundgedanken – dass nämlich eine verehrte Figur aufgrund ihrer spezifischen Gestaltung einen Schutzcharakter für den Menschen entwickeln kann – haben dann beide Skulpturen gemeinsam. Sowohl in Europa als auch in Afrika war eine solche Figur durchaus lange Zeit mit Gefühlen von Trost, von Geborgenheit und Sicherheit verbunden. Solche inhaltlichen oder formalen Ähnlichkeiten – und ebenso die Unterschiede – zeigt die Ausstellung an vielen Beispielen.

Was macht die Ausstellung aus Sicht von Museumsmachern darüber hinaus so reizvoll?
Der eigentliche Reiz der Ausstellung liegt in der interdisziplinären Kooperation. Kunsthistorisches Sehen trifft hier auf ethnologisches Sehen. Da gibt es ganz unterschiedliche Methoden und Herangehensweisen. Ethnologen etwa fragen zunächst nach der Funktion eines Objektes und nach seiner Einbindung in den konkreten Alltag. Kunsthistoriker wiederum interessiert die Stilgeschichte, die Ikonografie oder die Komposition. Das sind Herangehensweisen, die sich nicht nur unterscheiden; sie sind sich teilweise sogar fremd. Aber diese Differenzen können unseren Horizont erweitern. Die Ausstellung ist ein kollegiales Zugehen auf die jeweils andere Disziplin.

Sie sind ja nicht nur Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, sondern auch Direktor der Gemäldegalerie. Am Kulturforum widmet sich mit „Gesichter Chinas“ nun erstmals in einem europäischen Museum eine umfassende Ausstellung explizit der chinesischen Porträtmalerei. Was begeistert Sie an dieser Ausstellung?
Die unglaubliche Fülle und Bandbreite von Porträts aus fünf Jahrhunderten, die wir hier zeigen können. Während in der Gemäldegalerie so wie in den meisten Altmeistersammlungen das Porträt eine, wenn nicht die vorherrschende Gattung ist, so finden wir in den hiesigen Museen, wenn es um chinesische Malerei geht – vereinfacht gesprochen – vor allem Landschaften, Blumen und Vögel. Das hat auch damit zu tun, wie in Europa gesammelt wurde und wie unsere Sehgewohnheiten sind. Da setzt eine Ausstellung, die sich ausführlich mit den verschiedenen Traditionen der chinesischen Porträtmalerei widmet, einen ganz neuen Akzent. Sie wäre in Berlin auch gar nicht möglich ohne großzügige und spektakuläre Leihgaben, die zum größten Teil noch nie in Europa zu sehen waren, vor allem aus dem Palastmuseum in Peking und dem Royal Ontario Museum in Toronto. Dass ich diese Meisterwerke Tür an Tür mit „meinen“ Alten Meistern zeigen kann, freut mich natürlich ganz besonders. Ausgewählte Werke wie Anthonis van Dycks Genueser Dame und das Porträt des Yang Woxing aus der gleichen Zeit zeigen wir auch in direkter Gegenüberstellung.

Die Fragen stellte Gesine Bahr-Reisinger.