Pilotprojekt: Tansania–Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?

Provenienzforschung im zukünftigen Humboldt Forum:  das  Pilotprojekt „Tansania–Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?“ soll ein Rahmenkonzept für die Erforschung der Provenienz problembeladener, insbesondere in der Kolonialzeit gesammelter Bestände entwickeln.

Mit dem Eintritt des deutschen Kaiserreichs in die Reihe der Kolonialmächte im Jahre 1884 strömten immer mehr Objekte aus den sogenannten „deutschen Schutzgebieten“ in das 1873 in Berlin gegründete Königliche Museum für Völkerkunde. So wuchsen die Bestände der Abteilung Afrika, die im Jahre 1880 noch 3361 Katalognummern ausmachten, bis 1914 auf 55.079 Nummern an. Damit bildete das Berliner Museum das wichtigste Zentrum der Akkumulation ethnographischer Objekte im Deutschen Kaiserreich – auch weil diesem im Jahre 1889 im Zuge eines Bundesratsbeschlusses ein Vorkaufsrecht bei all jenen mit Zuhilfenahme von Reichsmitteln angelegten Sammlungen in den Kolonien gesichert wurde. Das damalige „Deutsch-Ostafrika“ (das heutige festländische Tansania, Ruanda und Burundi) war durch eine besonders umfangreiche Sammlung im Museum vertreten.

In dem Pilotprojekt „Tansania–Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?“, das ein Rahmenkonzept für die Erforschung der Provenienz problembeladener, insbesondere in der Kolonialzeit gesammelter Bestände entwickeln soll, wird mit der Untersuchung ausgewählter Bestände der etwa 10.000 bis 11.000 Objektenummern umfassenden Sammlung aus dem heutigen Tansania begonnen. Die zu erforschenden Bestände werden aufgrund ihrer künftigen Präsentation im Humboldt Forum und/oder ihrer Repräsentativität für unterschiedliche Formen des Sammelns (Kauf, Tausch, Geschenk, gewaltsame Aneignung) ausgewählt. Zunächst wird hierbei ein Fokus auf Objekte gelegt, die im Kontext gewaltsamer Aneignungen und kolonialer Kriege in das Museum gelangten. Dazu gehören auch Objekte, die während des Maji-Maji-Krieges (1905–1906/07) im Süden des einstigen „Deutsch-Ostafrika“ erbeutet wurden. Das Gouvernement in der Hauptstadt Dar es Salaam sandte im Jahre 1907 insgesamt „1872 kg“ der als „Kriegsbeute“ ausgewiesenen Objekte an das Berliner Museum. Während es in der Literatur bisher hieß, diese Objekte seien als „nicht traditionell“ bewertet und verbrannt worden, hat die erneute Beforschung der Sammlung im Zuge der Vorbereitungen für das Humboldt Forum ergeben, dass mit 94 Inventarnummern eine kleine Anzahl von Stücken – hauptsächlich Waffen – aus dem großen Konvolut doch in die Sammlung aufgenommen wurden. Von diesen sind noch 32 Inventarnummern erhalten geblieben.

Ausgangspunkt des geplanten Projektes über Objekte und Objektgruppen aus dem heutigen Tansania ist zunächst die klassische Fragestellung der Provenienzforschung: Welche Biographien haben die Objekte? Wer waren die Vorbesitzer und eventuelle Zwischenhändler? Wie sind die jeweiligen Objekte in den Besitz des Museums gelangt? Vor dem Hintergrund der Besonderheiten ethnologischer bzw. afrikahistorischer Provenienzforschung stellt sich die Frage nach der Rolle und Bedeutung von Objekten in den kolonialen Begegnungen und Machtbeziehungen, die meist von dem gewaltsamen Aufzwingen neuer räumlicher, sozialer, politischer und religiöser Ordnungen durch die Kolonisierenden geprägt waren. Trotz der Fokussierung auf die Gewaltförmigkeit der kolonialen Expansion und auf die damit im Zusammenhang stehenden Objekte sollten die Brüchigkeit deutscher Kolonialherrschaft und die Handlungsmacht der Afrikanerinnen und Afrikaner stets mitgedacht werden. Ferner soll untersucht werden, welche – möglicherweise divergierenden – Bedeutungen und Wertsetzungen die Objekte für Besitzer, Zwischenhändler und Sammler hatten. In einem zweiten Schritt soll das Projekt die wechselnden Biografien der Objekte bis in die Gegenwart verfolgen und fragen, wie sich diese Sinngebungen historisch im Laufe der kolonialen und postkolonialen Zeit auf den verschiedenen involvierten Seiten verändert haben.

Dementsprechend wird die Bearbeitung der Geschichte der Tansania-Sammlung nur in Kooperation mit tansanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Künstlerinnen und Künstlern sowie Akteuren der Herkunftsgesellschaften der Objekte erfolgen. Im Jahr 2017 ist daher geplant, zwei curators-in-residence aus Tansania für einige Monate in das Ethnologische Museum einzuladen. Zudem wurde ein Memorandum of Understanding zwischen der University of Dar es Salaam und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz unterzeichnet, das die Grundlage für eine gemeinsame Forschungsarbeit in deutsch-tansanischen Teams in einer zweiten Projektphase bilden soll. Des Weiteren werden erste Ideen entwickelt und systematisiert, wie die Forschungsergebnisse in Form einer digitalen Plattform in dieser zweiten Projektphase sowohl den Besuchern des Humboldt Forums als auch einer breiteren – auch (und vor allem) nicht-europäischen – Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können.

Projektleitung: PD Dr. Paola Ivanov (Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin)
Mitarbeiterin: Kristin Weber-Sinn (Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin), Hendryk Ortlieb (Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin)
Kooperationspartner: University of Dar es Salaam, Department of History; National Museum and House of Culture, Dar es Salaam, Tansania
Projektförderung: Kuratorium Preußischer Kulturbesitz
Laufzeit: Juli 2016 bis September 2018