Vis à vis. Asien trifft Europa

12.05.2017 bis 30.04.2019
Kunstgewerbemuseum

Das Museum für Asiatische Kunst hat Anfang Januar 2017 seine Pforten in Dahlem geschlossen, um die Neuaufstellung im Humboldt Forum vorzubereiten. Eine erlesene Auswahl seiner herausragenden Bestände wird in den nächsten Monaten in der ständigen Ausstellung des Kunstgewerbemuseums präsentiert. Werke beider Museen treten in einen assoziativen Dialog. Diese Form der Präsentation verdeutlicht den regen und bereits seit Jahrhunderten stattfindenden Transfer von Materialien, Techniken, Formen und Motiven zwischen Europa und Asien. Die Präsentation wird sukzessive in Form von fünf thematischen Diskursen eingerichtet und ist ab Dezember 2017 bis voraussichtlich April 2019 in ihrem gesamten Umfang zu sehen.

Ostasien und Art Nouveau

Der neue Diskurs widmet sich ab dem 15. Juli 2017 der Keramik: Europäische Porzellane und Steinzeuge des Jugendstils (Art Nouveau) treten in Dialog mit Gefäßen aus China, Japan und Korea.

Obwohl Zeitpunkt und Kontext ihrer Entstehung ganz unterschiedlich sind, weisen die ausgestellten Keramiken gestalterische Parallelen auf. Verwandtschaften zeigen sich zum Beispiel in der Verwendung von Laufglasuren, der plastischen Gestaltung von Formen, der Nobilitierung von Gefäßen durch Sockel und der Darstellungsweise von Naturmotiven. Besonders deutlich wird dies im Nebeneinander von ostasiatischen Keramiken und solchen der französischen Keramikgruppe Art du feu („Kunst des Feuers“).

An der Schwelle zwischen Historismus und Art Nouveau waren westliche Künstler auf der Suche nach neuen Inspirationsquellen. Ihre Begegnung mit der Kunst Ostasiens wirkte wie eine Initialzündung. Dabei spielte das 1867 gegründete Berliner Kunstgewerbemuseum eine wichtige Rolle. Es verstand sich als Vorbildersammlung und sammelte in seiner Anfangszeit sowohl europäische als auch außereuropäische Arbeiten.

Hingegen richtete sich das 1906 unter dem Namen „Ostasiatische Kunstsammlung“ etablierte Museum für Asiatische Kunst beim Aufbau seiner Bestände nach ostasiatischen, nicht nach westlichen Konzepten. Insofern spiegelt sich die als Japonismus bezeichnete westliche Ostasienrezeption in dieser Sammlung kaum wider. Aber die für „Vis à vis“ ausgewählten, größtenteils chinesischen Keramiken aus früheren Epochen lassen dennoch Gestaltungsprinzipien erkennen, die die Künstler des Art Nouveau inspirierten. Die ältesten Arbeiten datieren aus dem 4. Jahrhundert – bis heute wirken sie zeitlos und modern.

Horn, Bein und Elfenbein

Der erste Diskurs widmet sich ab dem 12. Mai 2017 der Materialgruppe „Horn, Bein und Elfenbein“. Im Mittelaltersaal des Kunstgewerbemuseums werden Kunstwerke gegenübergestellt, die zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert auf dem indischen Subkontinent und in Europa geschaffen wurden. Das wegen seiner Härte und Elastizität, seinem edlen Oberflächenglanz und der angenehmen Haptik seit jeher beliebte kostbare Material wurde bevorzugt zur Fertigung luxuriöser Gebrauchsartikel und repräsentativer Kunstgegenstände verwendet. Kulturübergreifend symbolisierte das Elfenbein Macht, Potenz, Erhabenheit und Reinheit. Für Jagd- und Kriegsgeräte, für Minnegaben und Kosmetikutensilien ebenso wie für religiöse Devotionalien und für Herrschaftsinsignien wurde es in Europa und Asien gleichermaßen wertgeschätzt. Im Westen trat der Aspekt des Exotischen hinzu, der die Aura der Exklusivität des über weitgespannte Handelsnetze bezogenen fremden Materials noch verstärkte.

Exemplarisch für die spannungsreiche Gegenüberstellung asiatischer und europäischer Elfenbeine stehen zwei Thronsesselbeine aus Orissa aus dem Museum für Asiatische Kunst. Eine für das europäische Auge exotisch anmutende Ikonographie sowie die technische Finesse der Schnitzerei veranschaulichen das hohe Niveau dieser südasiatischen Elfenbeinarbeiten aus höfischem Kontext. Die noch gut erkennbare geschwungene Linie des Stoßzahns dürfte intendiert gewesen sein, um keinen Zweifel hinsichtlich des kostbaren Materials aufkommen zu lassen, welches in Asien wie in Europa mit Herrschern in Verbindung gebracht wird. Der royale Bezug offenbart sich zudem in den Tierkampfszenen, in denen Elefanten dominieren, sowie in der raffiniert rundplastisch gearbeiteten Hauptgestalt, dem aufrecht auf einer doppelten Lotosrosette stehenden Löwen mit zurückgewandtem Kopf, zugleich Wächterfigur und Synonym für Herrschaft schlechthin.

Nicht aus Elfenbein, sondern aus dem Horn des Zebu-Rindes besteht ein in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Süddeutschland geschaffener bootsförmiger Deckelpokal. Seine geschnitzten Darstellungen spiegeln die exotische Herkunft des in Europa seltenen Materials: Zebu-Rind, Löwe und Elefant, ein fremdartig gewandetes Paar sowie die bekrönende Frauenfigur mit Sonnenschirm stehen als Sinnbilder für den Kontinent Afrika. Dem Horn exotischer Tiere wurde giftabweisende und potenzsteigernde Wirkung nachgesagt. Werke aus solchem Material gelangten häufig in fürstliche Sammlungen. Das Exemplar im Kunstgewerbemuseum stammt aus der Kunstkammer der Hohenzollern im Berliner Schloss. Es reflektiert das um 1680 einsetzende Bemühen Kurbrandenburgs um überseeischen Kolonialbesitz.

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